Die „Prinzipien zur weiteren Entwicklung der Lehre und Forschung an den Hochschulen der Deutschen Demokratischen Republik“, wie das 1966 zur Diskussion vorgelegte Reformdokument wörtlich heißt, sind ein lesbares, beinahe sachliches Papier, das die gewohnten ideologischen Floskeln fast vermissen läßt.

Die in diesen „Prinzipien“ vorgesehene Änderung der Hochschulstruktur sieht vor allem die Auflösung der traditionellen Fakultäts- und Institutsgrenzen vor. Statt dessen werden Sektionen eingeführt, die unabhängige interfakultative Zusammenschlüsse zur Lösung von gemeinsamen Aufgaben sein sollen. Die Zusammensetzung der Sektionen und ihre Organisationsform werden sich von ihren Aufgaben her bestimmen. Sie sind gleichzeitig Ausbildungs- und Forschungszentren. Es sei erforderlich, so heißt es, daß Institutsleiter und Vorsitzende der Sektionen alle drei bis vier Jahre neu gewählt werden.

Die Lehre soll vereinfacht und gestrafft werden. Die studentische Ausbildung wird in vier Phasen gegliedert: in Grund- und Fachstudium, Spezial- und Forschungsstudium. Die ersten beiden Etappen sollen zusammen etwa vier Jahre dauern und mit einer Hauptprüfung abschließen, die zur Führung einer Berufsbezeichnung berechtigt. In dieser Zeit will man eine möglichst breite Grundausbildung vermitteln, die auch einen späteren Berufswechsel erleichtern soll, den eine schnelle wissenschaftlich-technische Entwicklung notwendig machen könnte. Die dritte Phase, das Spezialstudium, wird mit der Diplomprüfung abgeschlossen. Ein sich daran anschließendes Forschungsstudium wird den Hochbegabten vorbehalten, die einmal Führungspositionen im öffentlichen Leben einnehmen sollen. Es schließt mit der Promotion ab.

Der Forschung schließlich wird die Aufgabe gestellt, direkt mit der Industrie zu kooperieren und sich so eng wie möglich den allgemeinen Bedürfnissen der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung anzupassen. Schon jetzt haben sich dadurch an einzelnen Hochschulen Forschungsschwerpunkte herausgebildet: Die Universität Jena wird, wie ihr Rektor Professor Franz Bolck bekanntgab, ihre Forschung zu drei Vierteln auf die Bedürfnisse der Zeiss-Werke abstellen und sich vorwiegend den Problemen des wissenschaftlichen Gerätebaus widmen. Die Universität Halle-Wittenberg, in deren Nachbarschaft die Leuna-Werke liegen, konzentriert sich auf Chemie, Rostock auf Schiffbau und Hochseefischerei.

Weil so die Forschung zu einem Instrument der Produktionspraxis wird, überlegt man auch ein ganz neues Finanzierungssystem. Die Humboldt-Universität in Ostberlin erprobt zur Zeit in verschiedenen Sektionen eine Finanzierung aus drei Quellen: staatlicher Zuschuß nach Anzahl der Studenten; Einnahmen der Universität aus Forschungsverträgen mit der Industrie; Gelder für die von der Universität betriebene Berufsweiterbildung von den daran interessierten Stellen. Gelingt dieses Experiment, das an die Finanzierungsmethoden amerikanischer Universitäten erinnert, so soll das System ab 1971 auch an allen anderen Hochschulen eingeführt werden.

Anfang Juli trafen sich die Rektoren der Universitäten, technischen Hochschulen und medizinischen Akademien der DDR zu einer Konferenz über die nächsten Aufgaben in der Hochschulreform. Sie waren sich einig, die praktischen Erfahrungen, die man in Jena, Ostberlin und Magdeburg bereits gesammelt hat, für die Entwicklung der anderen Hochschulen zu nutzen und bis zum 20. Jahrestag der DDR – im Oktober 1969 – wesentliche Umgestaltungen und Veränderungen durchzuführen.

Die Teilnehmer der FDJ-Hochschulkonferenz in Dresden, junge Wissenschaftler und Studenten, versprachen in einem Schreiben an den „hochverehrten Genossen Ersten Sekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrats der DDR“ dem Reformprogramm ihres „sozialistischen Vaterlandes“ ihre ganze Liebe, Treue und Kraft.