Ewig nur an einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohr, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und, anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.

Friedrich Schiller

Politisch – unpolitisch?

Als der AStA der Universität Tübingen im vergangenen Jahr der Frau des erschossenen Studenten Benno Ohnesorg ein Telegramm schickte, in dem er die Aktionen der Berliner Polizei beim Schah-Besuch verurteilte, wurde er von drei Jura-Studenten vor dem Verwaltungsgericht verklagt. Das Gericht gab den Klägern recht und untersagte dem Studentenausschuß Äußerungen zu allgemeinpolitischen Fragen. Als der AStA der Universität Tübingen jetzt die Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten in der ČSSR öffentlich und scharf verurteilte, wurde er wiederum von Studenten verklagt, die vom Gericht verlangten, es solle den Studentenvertretern erneut verbieten, das „politische Mandat“ in Anspruch zu nehmen. Aber das Gericht gab diesmal dem Beklagten recht; es verbot nicht, sich zur Situation in der Tschechoslowakei zu äußern. Offenbar war auch das Gericht der Meinung, da seien Äußerungen am Platz. Nur: darf es das – als Gericht? Oder sind allgemein-politische Fragen dann nicht mehr politisch, wenn die Übereinstimmung, wie sie zu beurteilen seien, allgemein ist?

Prag in Frankfurt

Am 13. September wollen die Städtischen Bühnen Frankfurt in einer Nachtvorstellung Szenen und Texte von Kohout, Havel und Vaculik, außerdem Ausschnitte aus der inzwischen verstummten Zeitschrift Literární listy bringen. Die Veranstaltung trägt den Titel: „Diskurs über den Prager Notstand, ausgelöst durch die Intervention besorgter Freunde, die eine Verbindung von Sozialismus und Demokratie für konterrevolutionär und Unterdrückung für Kommunismus halten“.

Kontakte

Der europäische Schriftstellerverband Comes hat beschlossen, die kulturelle Zusammenarbeit mit der Sowjetunion und den anderen an der Invasion in der ČSSR beteiligten Ländern des Warschauer Pakts nicht fortzusetzen. Er bat seine Mitglieder jedoch, die Kontakte zu den Schriftstellern aus den Besetzer-Ländern aufrechtzuerhalten, deren „Würde nicht in Frage gestellt“ sei. Außerdem empfiehlt der Verband – „angesichts der Gefahr weiterer Aggressionen“ – die Verstärkung von Kontakten mit Autoren in Rumänien und Jugoslawien.