FÜR jene, die gern schwarz auf weiß besitzen, was sich das Jahr über für sie oder gegen sie auf dem deutschen Theater ereignet hat; also vor allem für Theaterenthusiasten, die auch Gründen zur Eindämmung ihrer Begeisterung zugänglich sind –

„Theater 1968“ – Chronik und Bilanz des Bühnenjahres, herausgegeben von Erhard Friedrich, Henning Rischbieter und Siegfried Melchinger; Friedrich Verlag, Velbert; 184 S., 9,80 DM.

ES ENTHÄLT eine Vorschau auf die kommende Spielzeit sowie die Versuche einer reichbebilderten Bilanz der vergangenen; ferner eine Debatte über das Thema „Theater und Revolte“, den Text des zum „Stück des Jahres“ gewählten „Kaspar“ von Peter Handke sowie den Versuch, die zur „Aufführung des Jahres“ gekürte Berliner Beckett-Inszenierung des eigenen „Endspiels“ in Probenberichten, Beschreibungen, Wertungen zu umkreisen.

ES GEFÄLLT, weil dieses Theaterjahrbuch mit akribischer Geduld und gleichzeitig mit der nötigen Großzügigkeit ein Theaterjahr zu fixieren unternimmt, wobei angenehm auffällt, daß dieses Geschäft nicht ohne Widersprüche aufgeht. Gerade dadurch aber bekommt man einen doch recht genauen Einblick in den jüngsten Stand der Theaterdiskussionen, jener Debatten also, die die Subventionsbühnen zwischen Politik und Herkommen hin- und herreißen. In der „Theaterdebatte“ treffen in den Aufsätzen zweier Herausgeber (Siegfried Melchinger und Henning Rischbieter) die Standpunkte ziemlich unverhüllt aufeinander – und da, wo Botho Strauß die Unvereinnahmbarkeit des Handkeschen „Kaspar“ durch die Methoden der bisherigen Kritik statuiert, erfährt man, wie in den von den Kritikern bezeichneten Saisonhöhepunkten, auch einiges über die Schwierigkeiten der Kritik. Ein Buch also, das Analysen und Selbstzeugnisse an die Stelle der nur theaterfreudigen Schönfärberei setzt.

Hellmuth Karasek