An der deutsch – holländischen Grenze bei Twist/Meppen messen die holländischen Zöllner EWG-Hähnchen mit zweierlei Maß. Was aus Holland kommt und für die Bundesrepublik bestimmt ist, darf ohne „Östrogen-Paß“ passieren. Sollen aber deutsche Hähnchen die Grenze nach Holland überqueren, dann interessieren sich die Zöllner für die saubere Ernährung der Tiere.

Im April dieses Jahres siedelte sich eine Hähnchenschlachterei in der Grenzgemeinde Twist an. Zur Zeit verarbeitet sie täglich mehr als 40 000 Hähnchen. Die Tagesleistung der Schlachterei soll bald auf das Doppelte erhöht werden.

Der willkommene Hähnchenabnehmer kam von der anderen Seite der „grünen Grenze“, aus Coevorden in Holland. Dort hatte er bereits Erfolg mit der Verarbeitung von Hähnchen und hatte auch ohne Schwierigkeiten in die Bundesrepublik exportiert.

Dieser Hähnchenverkäufer bewies europäisches Unternehmertum, als er seinen zweiten Betrieb im deutschen Emsland aufbaute. Doch die Willkür der holländischen Behörden ließ ihn an Europas Einheit zweifeln.

Aus Holland konnte er jederzeit Lkw voller Hähnchen nur mit Rechnungsbelegen und dem EWG-Zertifikat nach Deutschland schicken. Der umgekehrte Weg blieb ihm praktisch verschlossen.

Das holländische .Ministerium für Landwirtschaft und Fischerei forderte von dem holländischen Hähnchenexporteur in Deutschland, er müsse jedes einzelne Hähnchen vor und nach der Schlachtung durch Vertreter des zuständigen staatlichen Veterinäramtes beschauen lassen. Dies müsse auf jeder Packung durch amtliche Stempel verbrieft werden, weil man kein Geflügel nach Holland einführen könne, das womöglich mit wachstumsfördernden Stoffen, wie Östrogen, mancherlei Antibiotika, Antimon- und Hormonpräparaten behandelt sei.

Die Bundesregierung nahm sich des Hähnchen-Paradoxons an: Ergebnis: der zuständige holländische Minister Lardinios verzichtete auf die Prüfung und Abstempelung jedes einzelnen Tieres. Für jede Ladung aber, die nach Holland eingeführt werden soll, müsse eine pauschale Bescheinigung über die saubere Ernährung der Tiere vorliegen. Auch dazu sieht sich der Twister Hähnchenschlachter nicht in der Lage, denn welches staatliche Veterinäramt würde sich bereit erklären, die zahlreichen Mastställe laufend zu kontrollieren?

Im vergangenen Monat ging der Holländer im Emsland nach viermonatigem Behördenkrieg zur Offensive über und schickte einen Lkw mit 6000 Hähnchen Richtung Holland, um zu sehen, wo die Grenze der EWG-Abmachungen liegt. Die holländischen Zöllner zollten der Qualität der Ware keine Beachtung. Ihnen fehlten die Papiere. Die Ware wurde Minuten später nach Süddeutschland auf die Reise geschickt, von wo sie bestellt war. s. k.