Von Klaus Emmerich

Zwischen Preßburg und Wien werden in diesen Tagen die ersten Kubikmeter russischen Erdgases aus der Tschechoslowakei in den Westen strömen. Mit der Lieferung von zunächst 300 Millionen Kubikmeter Erdgas aus der Sowjetunion beginnt ein neues Kapitel europäischer Energiepolitik. Bis zum Jahr 1991 laufende Verträge sollen dem jüngsten Energieträger nicht nur einen Markt im rot-weiß-roten Österreich-Bezirk sichern. Hier geht es um ganz andere Größenordnungen.

Nicht nur Moskau ist daran interessiert, seine sibirische Erdgasproduktion in Österreich und darüber hinaus ins energiepolitische Spiel zu bringen. Auch die Erdgasproduzenten aus Westeuropa erhöhen den Einsatz in und um Linz, weil dort wichtige Vorentscheidungen über Verbraucherstandorte und Marktanteile fallen. Die NAM, die niederländische Erdgas-Tochter von Shell und Esso, und ihr nordafrikanischer Rivale, die staatliche Erdölverwaltung Algeriens, kreuzen zum erstenmal die Klingen mit der staatlichen Firma Promsyrioimport in Moskau, und zwar in einem Kampf, der nach Härte und Intensität schon heute robuster, trickreicher und politischer erscheint als die vergangenen Schlachten um die Erdölmärkte.

Allein die Nutzung gegebener und bekannter Erdgasvorräte und um ihren Einsatz in der Versorgung mit Primärenergie erfordert bereits die ganze Phantasie der Geologen, Techniker und Kaufleute. Die Gasvorräte der Sowjetunion bilden mit 60 Milliarden Kubikmeter die bisher bekanntgewordene Weltspitze. Die USA veranschlagen ihre Vorräte über acht Milliarden, Westeuropa über 4,5 Milliarden, Nordafrika über 3,5 Milliarden Kubikmeter. Da Prospektion und Produktion bei Erdgas, ähnlich dem Erdöl, immer neue Quellen und weitere Verwendungsbereiche erschließen, erscheint die Voraussage eher bescheiden und vorsichtig, daß die nun anbrechende Erdgaszeit mindestens drei Jahrzehnte währen werde.

Die rosigste Zukunft auf dem Energiemarkt wird dem Erdgas vorausgesagt und auch sein Marktanteil wird denkbar hoch eingeschätzt. In der Sowjetunion deckt Erdgas bereits heute mehr als die Hälfte des Brennstoffbedarfs, in den USA immerhin ein Drittel und in den EWG-Staaten ein Zehntel dieses Drittels, nämlich 3,5 Prozent. Mit zehn Prozent Versorgungsanteil des Gases bis zum Jahre 1975 in der EWG rechnen vorsichtige Experten, wenn alle Rechnungen aufgehen. Schon das russisch-österreichische Gasgeschäft macht die Verzweigungen in diesem Bereich deutlich.

Für Moskau handelt es sich um ein Kompensationsgeschäft: Der sowjetrussische Bedarf an Großrohren, der den eigenen Kapazitäten und rein technischen Liefermöglichkeiten davonläuft, soll gedeckt werden, indem die Vereinigten österreichischen Stahlwerke (VOEST) als Generalunternehmer bei Mannesmann und Thyssen zunächst 250 000 Tonnen Stahlrohre während der nächsten zwei bis drei Jahre walzen lassen. Weder die Russen noch die Österreicher verfügen über die nötigen Kapazitäten. Der Röhrenbedarf der Russen, die ihre neue Groß-Gas-Pipeline aus Tjumen in Sibirien bis zum Anfang der siebziger Jahre betriebsbereit haben wollen, die Gasnachfrage der Österreicher, deren eigene Erdgas-Quellen rasch versiegen, und die Lieferfähigkeit der deutschen Röhrenindustrie treffen sich. In diesem Dreieck stecken Ost-West-Handelsmöglichkeiten, die weit über das rechnerische Volumen des VOEST-Röhrenvertrages von 115 Millionen Dollar hinausgehen. Promsyrioimport ist nämlich die Moskauer These des strengen Kompensationsgeschäftes – Ware gegen Ware – treu geblieben, spart damit den russischen Außenhändlern Devisen. Die staatlichen Außenhändler in Moskau genierten sich nicht, von dem kleinen Österreich einen lukrativen Zwischenkredit über 150 Millionen Dollar anzunehmen.

Für Mannesmann und Thyssen ist damit das unerfreuliche Kapitel des Röhren-Embargos endgültig zu den Akten gelegt. Die Österreicher schließlich kaufen gar zu einem Kubikmeterpreis von 6,55 Mark in den nächsten sieben Jahren; ein Preis, der etwa 10 Prozent unter den vergleichbaren westeuropäischen Angeboten und ein Viertel unter dem liegt, was die Abnehmer in der ČSSR für das nämliche sowjetrussische Erdgas zu bezahlen haben.