Wenn man einer unlängst verbreiteten Meldung der Nachrichtenagentur UPI Glauen schenkt, werden jetzt die Tauben von Genf der Segnungen der medizinischen Wissenschaft in orwellschem Ausmaß teilhaftig. Ihnen wurden, so hieß es, für das Jahr 1968 Antibaby-Pillen im Gegenwert von 300 000 Schweizer Fränkli verordnet, selbstverständlich schnabelgerecht in Form von hormongetränkten Weizenkörnern. Drei Jahre Entwicklungsarbeit seien vonnöten gewesen – so wußte die Nachrichtenagentur weiter zu melden –, und für die nächsten Jahre hoffe man wegen der wohl spärlicher werdenden Nachkommenschaft auch auf reduzierte Ausgaben für das so schön entwickelte Medikament.

Die Herzen auch der deutschen Tierschützer werden höher schlagen, und sicher rechnet sich schon mancher Vereinsvorstand angesichts dieses Präzedenzfalles Chancen aus für ähnliche Therapieversuche etwa in Köln, München oder Hamburg.

Wir aber müssen fragen: Waren die Genfer Stadtväter wirklich wohlberaten, als sie ihren Stadtsäckel – wohl aus dem Gesundheits- und Sozialetat – um eine Drittelmillion Franken erleichterten? Denn, wie man weiß, haben solche Mittel Nebenwirkungen, die nicht auf die leichte Schulter respektive auf den leichten Flügel zu nehmen sind: Viele Frauen, die sie einnehmen, klagen über morgendliche Übelkeit oder gar Erbrechen. Ist man so sicher, daß diese Symptome bei dem gefiederten Friedenssymbol nicht zu einer viel katastrophaleren Verschmutzung der schönen Stadt Genf führen werden als die bisherigen weißen Klecksereien? Die zu erwartende Gewichtszunahme wird sich auch in einer Steigerung des Taubenappetits und damit in noch, mehr weißen Äußerungen niederschlagen.

Schließlich aber muß man auch bedenken, daß mit den Tauben auch den Täuberichen die konzeptionsverhindernde Arznei zuteil wird: Ihnen muß ob dieser Kur Balzen und Schnäbeln vergehen; die Konsequenzen für die täuberische Psyche sind kaum auszudenken. Für den Menschen hat schon Voltaire die mißlichen Empfindungen angesichts totalen Unvermögens bei einer spezifisch männlichen Aktion beschrieben – wollen die Tierschützer den Täuberichen ähnliche Versagensneurosen nicht zugestehen?

Einen Pharmakologen konnten sich die Genfer für ihre Tauben offensichtlich leisten – ob es nun auch noch zu einem Psychiater langt?

Eberhard Greiser