Sechs Versuche zum gesellschaftlichen Selbstverständnis der schwarzen Völker

Von Manfred O. Hinz

Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels wird in diesem Jahr einem Repräsentanten afrikanischer Kultur und Politik verliehen: Leopold Senghor, dem Dichter und Präsidenten des Senegals. Senghors Denken kreist um die Négritude; taugt diese Formel als Werkzeug zur Befreiung von kolonialer Herrschaft und kultureller Entmündigung? Haben andere Modelle größere Chancen?

Kwarne Nkrumah, Leopold Sèdar Senghor, Boubou Hama, Julius Nyerere, Kofi Busia und Chinua Achebe, sechs Namen: Staatsmänner und Schriftsteller, die ihr Bild vom neuen Afrika entwerfen! Wie sehen diese Bilder aus? Wird in ihnen jene neue Haut geschaffen, jenes neue Denken entwickelt, jener neue Mensch auf die Beine gestellt, wie Fanon (Die Verdammten dieser Erde) fordert? Oder sind sie im Grunde nicht mehr als eine schlechte Übersetzung unserer eigenen verbrauchten, fadenscheinigen Argumentationen, wie Enzensberger (Europäische Peripherie) fragt? Ob der Weg der dritten Welt notwendig auf den der ersten und zweiten mündet oder ob es gelingt, eine Alternative zur kapitalistisch-sowjetkommunistischen zu finden, wird dem zur existentiellen Frage, der für unsere Gesellschaft nur von jener Welt Erlösung erhofft. Aber auch für den, der an die abendländische Zivilisation glaubt und nicht auf die läuternde Kraft der Dritten Welt setzt, dürfte es bedeutsam sein, ob Afrika die ihm angemessene Form entwickeln kann.

Wer die Entwicklung Schwarzafrikas nicht durch die Brille eines primitiv-naiven Europäismus betrachtet, sondern bewußt – kritisch und einfühlend – annimmt, der wird trotz aller Grausamkeiten, die zwischen Schwarz und Weiß und Schwarz und Schwarz begangen wurden, und trotz des Blutes, das geflossen ist, den Freiheitsdrang Afrikas spüren, der die einzelnen, voneinander unabhängigen Ereignisse zu einem verbindet: der Afrikanischen Revolution. In ihrer Gewaltsamkeit und ihrer bewußtseinsändernden Kraft ist sie der Französischen Revolution vergleichbar; wie damals die Wortführer der Aufklärung und der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft den Umbruch theoretisch und praktisch zu bewältigen suchten, so ringen heute die Staatsmänner und Schriftsteller des neuen Afrikas darum, das in der antikolonialen Bewegung Erreichte einzufangen und zu begreifen, die Gegenwart zu bestimmen und die Zukunft zu bannen.

Nkrumah brachte das afrikanische Emanzipationsstreben in einer eigenwilligen Interpretation .unter Kategorien abendländischer Philosophie; Senghor, der französisch geprägte Dichter afrikanischer Lieder, singt vom schwarzen Menschen und seiner Welt; Hama entwirft unter kühnem Einbezug von Prähistorie, Archäologie, Ethnologie und Zeitgeschichte die Einheit Afrikas; Nyerere erweist sich als der kraftvoll-pragmatische Politiker; Busia schreibt aus der Distanz des Emigranten; und Achebe zeichnet, seinen Leuten aufs Maul schauend, mit gekonnter Ironie die Aporie des afrikanischen Alltags. Die Erfahrungen der Kolonialzeit haben diese Männer geschlagen, der Kampf um die Unabhängigkeit hat sie geeint, die europäische Erziehung geformt, und die Tradition läßt sie nicht Ics. Für

Kwame Nkrumah: „Consciencismus. Philosophie und Ideologie zur Entkolonialisierung und Entwicklung mit besonderer Berücksichtigung der afrikanischen Revolution“; aus dem Englischen von Rudolf Martens; Westdeutscher Verlag, Köln, Opladen 1965; 122 Seiten, 6,80 DM