Von Horst Krüger

Das Thema, das hier verhandelt wird, gehört sozusagen zum eisernen Bestand philosophischer Reflexion. Daß wir Menschen werdend wieder verfallen, lebend dem Siechtum entgegengehen, zum Schluß nur mit Alter und Tod zu rechnen haben, hat von Sokrates bis Pascal, von Kierkegaard bis Schopenhauer die Denker beunruhigt, zu Widerspruch herausgefordert.

Warum erfüllt es den Zeitgenossen, der solches heute angekündigt sieht, trotzdem zunächst mit Unbehagen, ja leichtem Schaudern? Es ist, wie mir scheint, „hierzulande“, um das ironische Wort Bölls aufzunehmen, auf eine entsetzliche Weise heruntergekommen. Das Thema ist, sieht man von Heideggers großen Analysen in „Sein und Zeit“ (1927) ab, längst in die seichten Hände der Traktatschreiber geraten. Es fristet an Kirchentüren, in anthroposophischen Zirkeln, in Albert-Schweitzer-Gemeinden ein moralisierendes Kümmerdasein. Es ist so aufgeweicht, daß man sich lieber davon dispensiert sehen möchte.

Man ist in Deutschland gewöhnt, zum Thema Alter und Tod zu hören: Ernstes, Tröstendes, Versöhnendes. Man kennt diese aufwendigen Kränze, die da um letzte Dinge gewunden werden – Verfall und spätes Licht, Verlust und endlicher Gewinn, Stirb und Werde: Harmonisierungen auf der ganzen Linie. Zum Schluß soll immer so etwas wie eine Reifungsphase ins Absolute herauskommen: Der Greis tappt endlich ins Licht der Verklärung hinüber. Ein heruntergekommener deutscher Idealismus verschränkt sich mit einem mißratenen Christentum. Es wird alles „verklärt“, also verklebt. Das Thema, das unleugbar unser aller Thema ist, ist ungenießbar geworden. Man läßt lieber die Finger davon.

Vielleicht gibt es kein größeres Kompliment für einen Autor, als wenn man ihm bescheinigt, er habe ein Thema wieder greifbar, akzeptabel, denkwürdig gemacht für seine Zeitgenossen. Man kann davon wieder reden – nach ihm. Ich möchte das von diesem neuen Essayband sagen –

Jean Améry: „Über das Altern – Revolte und Resignation“; Ernst Klett Verlag, Stuttgart; 135 S., brosch. 9,50 DM.

In fünf großen, klassischen Essays, wie sie heute niemand mehr vergleichbar in deutscher Sprache schreibt, zieht Améry das Thema aus den freundlichen Nebelfeldern unserer Goethe-Epigonen heraus und zeigt, was ist: das Schauspiel des Niedergangs, die unheilbare Krankheit, schließlich den Tod, für den es keine Chiffre gibt. Es ist ein Buch ruhiger und doch kraftvoller Nachdenklichkeit; es wird eine Revolte versucht im Durchdenken. Der Autor, selber in den Fünfzigern stehend, verhandelt seine eigene Sache. Er bietet nicht allgemeine Wahrheiten, sondern seine eigenen schreckhaften Beobachtungen, Anmutungen, Zuständlichkeiten. Die immer wieder zitierte und oft variierte Figur A. registriert mit jener narzi“stischen Aufmerksamkeit der Alternden Veränderungen an sich: die Haut wird welker, schlaffer, Brust und Magen schieben sich vor. Es stellen sich gelbe Flecken im Gesicht ein. Des Nachts hat er manchmal wütende Zahnschmerzen. A. beobachtet, wie er nicht mehr beachtet wird in den Straßen der Stadt. Man hat ihn schon ausgeschieden. Die Gesellschaft zieht sich von ihm zurück. Wer macht in diesem Lebensabschnitt solche Beobachtungen nicht?