Dienstag, 10. September, ARD: „Die Schlacht bei Lobositz“ von Peter Hacks

Die Schlacht bei Lobositz, das Stück des Peter Hacks, besteht aus einer dramatischen Interpretation jener beherzigenswerten Maxime, die da lautet: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Meister Brecht steht Pate, Hacks, gottlob, ist in Fragen des geistigen Eigentums so lax und leger wie sein Lehrer, verzichtet auf genialische Originalität, schwimmt sich vielmehr langsam frei und hält es nicht für unschicklich, wenn’s not tut, nach der Angel zu greifen, die ihn hält.

Erzählt wird die Geschichte vom armen Mann aus dem Toggenburg, jenem Ulrich Braeker, der im Verlaufe des Stücks zu erkennen beginnt, daß angebliche Liberalität und humane Behandlung ein raffinierteres Mittel sein können, um den Soldaten zur Subordination zu bewegen, als die Verabreichung von Schrecken und Furcht: Wo der Stock versagt, empfiehlt es sich, den Musketier mit dem Vornamen anzureden. Das jedenfalls ist die Praktik des Leutnants Markoni, der es sich angelegen sein läßt, den Soldaten nicht am Hintern, sondern am Herzen zu dressieren (keine Maschine ist berechenbarer als ein Mensch mit Herz) und am Ende doch Schiffbruch erleidet, im Zweikampf mit dem Musketier Braeker, weil sein Gegenspieler nicht nur ein Herz und einen Hintern, sondern auch einen Kopf (und nicht nur Mut, sondern auch ein menschlich-gerüttelt Maß Angst) besitzt – und das läßt ihn gefeit sein und führt ihn zur Anerkennung des Satzes von dem Vertrauen, das gut, und der Kontrolle, die wichtiger ist.

Diese ebenso logische wie poetische Geschichte, eine von Songs durchsetzte Parabel, fand in Franz Peter Wirths Fernseh-Inszenierung eine Interpretation, wie sie besser, witziger und lehrreicher kaum denkbar ist. Hier wurde kein kolorierter Schwarzweiß-Film geboten, hier hatte – endlich! – jede Farbnuance ihren dramaturgischen Akzent. Protagonist war ein Gespensterblau, das mit der marionettenhaften Bewegung des Offizierskorps korrespondierte: Maschinelle Künstlichkeit in zweifacher Gestalt, von der sich realistische Szenen, natürliche Gebärden und prallgrelle Farben ebenso abhoben, wie die Abstraktionselemente des Bühnenbilds (Kisten und Kugeln, Bretter und Schilder) durch scheinbar naturalistische Details (Pulverdampf, Fahnen und blutrote Totengesichter) im gut Hegeischen Sinn „aufgehoben“ wurden. Da gab es kein Nebeneinander verschiedener Stilelemente, da verfremdeten die Ebenen einander in artistischer Weise, und die blutige Hand, die der Musketier Drudik auf dem Höhepunkt des (die Auseinandersetzung zwischen Braeker und Markoni variierenden) Gesprächs dem Fähnrich Kracht zuwarf – diese Hand und das Schminkgesicht und das Perückenhaar waren die Pendants zum Kugelbaum aus Pappmaché. Nichts stand für sich und fiel heraus, ausgespielte und durch Zeitraffertricks montierte Szenen ergänzten einander; aus Realismus und Surrealismus formte sich ein einheitlicher Parabelstil, der den Zentralsatz des Stückes anschaulich machte: Das ist herzzerreißend, ein Mensch ohne Vernunft.

Ein bedeutsames Spiel aus der Schule Bert Brechts, meisterlich inszeniert – und sehr aktuell. Meld dich doch weg vom Soldatenstand. Und häng dein Flint, wo schon viele blanke Flinten sind: Der belehrte Zuschauer dachte bei den Schlußversen nicht nur an Fritzens Soldaten, sondern auch an Ulrich Braekers Nachfahren Schwejk, mit seinem Herzen und seinem listigen Kopf, wie er, der kleine Sozialist, den großen Aggressoren zuruft: Und häng dein Flint an den Weidenbaum in hellen Wind.

Und auch an die Studenten mußte er denken, der Zuschauer: an die Studenten, die in Amerika ihre Einberufungsbefehle verbrennen, weil sie wissen: Furcht den Tod, besonders den der Helden... Momos