Wie arbeiten die Eiweißfabriken in der lebenden Zelle?

Von Erwin Lausch

Sie sehen aus wie winzige Schneebälle, die aus untauglichem Pulverschnee mühsam zusammengebacken wurden. Auch die besten elektronenmikroskopischen Aufnahmen, auf denen die „Schneebälle“ in Erscheinung treten, enthüllen keinerlei Struktur.

Auf diese nichtssagenden Gebilde, deren Durchmesser nicht mehr als zwei millionstel Zentimeter beträgt, konzentriert sich heute das Interesse vieler Molekularbiologen. Die Kügelchen sind Ribosomen – die Eiweißfabriken der lebenden Zellen.

Daß sich jetzt insbesondere auf die Ribosomen die wissenschaftliche Neugier der Molekularbiologen richtet, erscheint folgerichtig. In Untersuchungen, die zu den größten Triumphen der modernen Forschung zählen, ist es gelungen, die Struktur der Erbsubstanz, der Desoxyribonukleinsäure – kurz DNS genannt –, aufzuklären und den genetischen Code zu entschlüsseln, nach dem im Körper der Lebewesen der ererbte Bauplan aus der DNS-Sprache in Eiweiß-Sprache übersetzt wird. Diese Übersetzung aber, die erst aus den gleichsam abstrakten Informationen der Erbsubstanz Lebewesen aus Fleisch und Blut beziehungsweise aus Zellulose und Chlorophyll werden läßt, findet in den Ribosomen statt.

Das steht außer Zweifel. Geklärt ist auch, daß der DNS-Bauplan nicht in direkten Kontakt mit den Eiweißfabriken kommt. Denn die Erbsubstanz liegt im Zellkern, die Ribosomen aber sind im Zellplasma verteilt, das den Kern umgibt. Als Übermittler der genetischen Information dienen Substanzen, die im Zellkern produziert werden und die im Aufbau den DNS-Molekülen ähneln. Diese Ribonukleinsäuren – abgekürzt RNS – sind praktisch Kopien der DNS-Baupläne, und da sie eine Botschaft vom Kern zu den Ribosomen bringen, tauften die Molekularbiologen sie „Boten-RNS“.

Neben der Boten-RNS ist noch eine weitere Art RNS, „transfer-RNS“ genannt, von Bedeutung für die Eiweißproduktion. Moleküle der transfer-RNS bringen Aminosäuren, die Bausteine der Eiweißstoffe, zu den Ribosomen – daher ihr Name.