Es wächst ganz normal und glücklich heran. Es ist etwas stiller und denkt mehr nach.

Von Rainer Joedecke

Wenn Christina ihrer Mutter eine Freude machen will, geht sie hinters Haus auf die Wiese und pflückt ihr einen Strauß Gänseblümchen. Wie Millionen von Kindern. Doch während andere Kinder nach weißen Flecken mit einem gelben Punkt in der Mitte Ausschau halten, untersuchen Christinas Hände jedes Stückchen Rasen nach etwas Kleinem, Rundem, einem weichen Knopf wie Samt, rundherum mit winzigen Blättern. Denn Christina ist blind.

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Kaum ein menschliches Gebrechen löst so viel spontanes Mitgefühl aus wie die Blindheit. Und es gibt kaum einen menschlichen Zustand, über den so viele falsche und gefühlsbeladene Vorstellungen existieren. Für die Sehenden lebt ein Blinder in einer dunklen, tragischen Welt, vom Leben wie durch einen schwarzen Vorhang getrennt, einsam, hilflos, ausgeschlossen.

Christina ist von Geburt an blind. Als Sechsmonatskind kam sie in den Brutkasten. Als sie im dritten Lebensmonat einen Erstickungsanfall hatte, mußte ihr der Arzt Sauerstoff geben. Das rettete ihr das Leben und kostete sie das Augenlicht. Christina wurde blind.

„Ganz zu Anfang“, erzählt ihre Mutter, „habe ich oft die Augen geschlossen und versucht, mir vorzustellen, was in meinem Kind vorgeht. Aber das hat mich nur noch unglücklicher gemacht. Die Vorstellung der tiefen Dunkelheit, in der mein Kind lebte, war mir unerträglich. Als ich dann aber sah, wie es sich normal entwickelte, und keinerlei Anzeichen einer seelischen Bedrückung an ihr entdeckte, da kam ich schließlich zu der Einsicht, daß ‚Blindsein‘ für sie nichts bedeutete. Und damit hatte auch für mich das Wort ‚blind‘ seinen Schrecken verloren.“