Von Peter Bender

Leipzig, im September

Prag war für uns das wichtigste, was seit 1945 geschah.“ Prag als die größte Hoffnung und die größte Enttäuschung für die DDR – in diesem Urteil eines Ostdeutschen mittleren Alters spiegeln sich die Erfahrungen von zwanzig Jahren. Vom Westen ist wirksame Hilfe nicht zu erwarten, revolutionäre Änderungen haben sich 1953 und 1956 als unmöglich erwiesen, und so bleibt allein der Weg der Evolution: eine innere Wandlung des Systems, die von einer Reformation der kommunistischen Parteien ausgeht und getragen wird. Der Prager Frühling hatte bestätigt, daß dieser Weg gangbar ist. Er hatte bewiesen, daß eine kommunistische Partei entwicklungsfähig und entwicklungswillig sein kann. Die Tschechoslowakei hatte ein Beispiel gegeben, an das sich die natürliche Hoffnung schloß, es werde schließlich auch „auf die DDR abfärben“.

Wie weit diese Hoffnung verbreitet war, wann und in welchem Umfang sie aufkam, läßt sich mit Sicherheit nicht sagen. Unverkennbar ist jedoch, daß die Form, in der sie zerstört wurde, auch die Gleichgültigen und Resignierten aufschreckte. Die Stimmung, die den Besucher der DDR noch acht bis vierzehn Tage nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei empfing, war so gedrückt wie seit langem nicht. Die innere Entwicklung der DDR schien um Jahre zurückgedreht. Wo sich politische Resignation und wirtschaftlichen Fortschritt zur Normalität leidlich zufriedener Alltagsgewohnheit eingeschliffen hatten, rückte die Politik wieder an den ersten Platz. Und Politik hieß: Empörung und Depression.

Die Besetzung der Tschechoslowakei brachte den Ostdeutschen in Erinnerung, daß Panzer und Soldaten nach wie vor die Mittel Moskaus sind. „Die Russen haben sich wieder als das gezeigt, was sie sind: nicht die Sowjetunion, sondern eben die Russen.“ Bei manchen scheint sogar eine gewisse Kriegsfurcht entstanden zu sein; jedem aber wurde die eigene Lage wieder bewußt, die Lage eines besetzten Landes, dessen äußerer wie innerer Spielraum vom mißtrauischen Herrschaftsanspruch einer Großmacht eng begrenzt bleibt.

Noch bedrückender wirkte aber wohl, daß auch deutsche Soldaten an dieser Okkupation der Tschechoslowakei beteiligt waren. „Wir hatten das Gefühl, die Vergangenheit allmählich losgeworden zu sein und als Deutsche wieder akzeptiert zu werden. Damit ist es jetzt vorbei.“ Für viele hat das eine praktische Seite. Die Tschechoslowakei wurde in den letzten Jahren zum beliebtesten Reiseland der Ostdeutschen. Man fuhr zum Urlaub oder auch nur für ein verlängertes Wochenende nach Karlsbad oder Prag; mancher kannte die tschechische Hauptstadt ebensogut wie die eigene; Kunstinteressierte sahen im südlichen Nachbarland einen Ersatz für Süddeutschland; die Gastlichkeit der Tschechen ließ den peinlichen Unterschied kaum spüren, den andere sozialistische Staaten zwischen Besuchern mit harter und weicher Währung machen; viele persönliche Freundschaften waren entstanden.

Seit dem 21. August kursieren die Geschichten: Wie Ostdeutsche in Geschäften oder Restaurants nicht mehr oder betont schlecht bedient, wie ihre Autos beschmiert, zerkratzt, beschädigt wurden, wie dem verächtlichen Vorwurf „Ihr müßt natürlich wieder dabeisein“ nur mit dem Hinweis zu begegnen war, daß die DDR doch schon sei, was die Tschechoslowakei gerade werde: ein ockupiertes Land, das in Ulbricht immer noch seinen Novotny habe, sich einen Dubček aber sehnlich wünsche. Das Resultat dieser Erfahrungen war oft zu hören: Auch wenn sie könnten, scheuen sich die meisten heute, die Tschechoslowakei zu besuchen. Wieder einmal fühlen sich die Ostdeutschen in den eigenen Grenzen eingeschlossen.