Von Walter Jens

Als im Oktober 1967 die Hippies und die Black-Power-Leute, die liberalen Gelehrten, die Kinder der Neuen Linken und die Weshall-overcome-Sänger zum Pentagon zogen, um gegen den Raubkrieg zu demonstrieren: als man die Einberufungsbefehle verbrannte und die Mädchen Blumen in die Gewehrläufe der Wachtposten steckten, da befand sich unter den prominenten Marschierern ein Mann, der die Vorgänge dieser drei Tage, ihre Genese, ihre Entwicklung und ihren Ausgang, wie Stadien eines Experimentes beschrieb –

Norman Mailer: „Heere aus der Nacht“ – Geschichte als Roman, der Roman als Geschichte, aus dem Amerikanischen von Matthias Büttner; Verlag Droemer Knaur, München; 448 S., 19,80 DM.

Mit der Genauigkeit des Historikers, der Emphase des Zeugen, der Leidenschaft des Schriftstellers: so erzählt Mailer zugleich die Geschichte des Berichters, Redners, Arrestanten N. M. und den kollektiven Roman vom Aufbruch zum Pentagon.

Während der erste Teil (Geschichte als Roman) aus der minuziösen Analyse des Mailerschen Bewußtseins, der Anatomie eines Zeugen, besteht, schildert der zweite Teil (Roman als Geschichte) die Geschehnisse vorm Pentagon in makroskopischer Weise. Seelen-Historiographie wird in Romanform, der Kollektiv-Roman im Stil einer Chronik geboten; wenn Mailer von sich, seinen Träumen und Erinnerungen spricht, achtet er auf dokumentarische Treue, wenn er in nüchterner Manier den Ablauf der drei Tage analysiert, sucht er die irrationalen und atmosphärischen Elemente ins Blickfeld zu rücken.

Pathographie eines Individuums (leidenschaftlich im Stil, farbenreich, sehr poetisch) und Pathographie eines Kollektiv-Vorgangs (nüchtern dargeboten, Whitman durch Ranke ersetzt) ergänzen einander. In dem Bestreben, seine Darlegung so objektiv wie möglich zu halten, beleuchtet Mailer das Material aus vielerlei Sicht, konfrontiert die eigene Skizze mit Presse-Berichten, gibt Innen- und Außen-Ansichten, stellt dar, wie er sich selbst sieht und wie ihn die anderen sehen (der Chronist, im Augenblick der Aktion, wird gefilmt): Mailer-Rollenspieler, Mailer-Bestie, Mailer-Tragöde, Mailer-komischer Held, Zentrum-Mailer, Mailer-Randfigur. Seite für Seite wird wechselseitig erhellt und verfremdet, ergänzt, widersprochen, in Zweifel gezogen, keine Nachricht geht ungeprüft durch; lernt mich erst einmal kennen, lautet die Botschaft des Autors an seine Leser, ehe ihr meinen Informationen vertraut.

Ein Mann stellt sich vor, der zugleich als Revolutionär und enterbter Prinz auftreten möchte, als rebellischer Tory, eine Mischung von Karl Marx und Edmund Burke (und die Mixtur gesegnet von Freud), einerseits ein snobistischer Herr des Esseintes (die dekadente Figur des Joris K. Huysmans mit der Devise: Nicht handeln, sondern betrachten), andererseits ein Bewunderer der vom élan révolutionnaire getragenen Bewegung der Neuen Linken (die Revolution auf der Bühne, und ohne Manuskript), sehr jung und sehr alt, entschlossen und verführbar – ein Zerrissener, der ein einziges Mal im Einklang mit sich selber zu leben scheint: dort, wo er den Übertritt wagt, die große Passage, den Schritt der Bastille entgegen, in der Sekunde, da er das Seil überspringt, das die Demonstranten von den Bewachern abtrennt.