Eine liebgewordene Institution überlebt alle gesellschaftlichen Veränderungen

Zuerst kam das Weihnachtsmärchen. Damals hatte „Peterchens Mondfahrt“ seine erschreckend glorreiche Uraufführung erlebt. Für uns Kinder in jenen frühen zwanziger Jahren wurde es zum Weihnachtsmärchen schlechthin. Dann schickten gutbürgerliche Familien ihre Kinder zu „Hänsel und Gretel“ ins Opernhaus. Ich habe mich gelangweilt, das weiß ich noch genau. Meinen Schulkameraden ging es nicht anders. Viel zuviel und sehr laute Musik. Daß Humperdinck ein Wagnerianer war und das Klangideal des Meistersingerorchesters im Herzen trug, konnten wir nicht wissen. Zank der Eltern verstört die Kinder in jedem Falle. In „Hänsel und Gretel“ Kinder sich die Eltern „nach Noten“.

Der erste Schauspielbesuch hatte dem Wilhelm Tell“ zu gelten: Das stand jenseits aller Erörterung. Zum ersten „richtigen“ Opernbesuch schickte man die Kinder – warum eigentlich? – in den „Freischütz“.

Dieser Ablauf war ein Ritual und wurde auch als solches praktiziert. Weihnachtsmärchen, Humperdinck, Schiller und Carl Maria von Weber. Alles gehörte, mit Sartre zu sprechen, zum Bereich des „man“. Man führte einen gutbürgerlichen Haushalt; man hatte Torten und Eisbombe für Kindergeburtstage in einer – und nur einer – der standesgemäßen Konditoreien zu bestellen. Anzahl der Torten, Ablauf des Festes: alles war gesellschaftlich im doppelten Sinne fixiert. Dieses Bürgertum in der Übergangszeit vom Kaiserreich zur Republik war eine „formierte Gesellschaft“.

Das Theater gehörte dazu. Man ging zu den Theaterpremieren. Man hatte in Köln seit Generationen ein Abonnement für die Gürzenich-Konzerte: selbstverständlich für die Hauptveranstaltung. Wer bloß Karten für die Generalprobe zu erlangen imstande war, zählte nicht so ganz mit. Köln hier als Teil einer allgemeinen deutschen Wirklichkeit verstanden.

Kasernenhof für Klassiker

Man hatte Besitz, und man war gebildet. Auch Bildung galt als Besitz. Sie war nicht bloß Firmierung einer guten Vermögens- und Erwerbslage, sondern wurde selber als Besitz zu Buch, geschlagen. Dabei standen individuelles und kollektives Verhalten zueinander in Wechselwirkung. Die individuelle Besitzergreifung der „Bildungsgüter“ geschah durch Klassikerbibliotheken. Wer Klassiker war, entzog sich ebenfalls der Erörterung. Bei uns standen nebeneinander hundertvierzig Bände der Klassiker: schnurgerade, gleich gekleidet und schnörkelhaft vergoldet; wie auf dem Kasernenhof oder in der Kadettenanstalt. Zwischen dem fünfzehnten und siebzehnten Lebensjahr habe ich alles durchgelesen und fand eigentlich alles schön. So weiß ich heute noch, daß es einen Klassiker gab mit Namen Franz Freiherr Gaudy. Auch Karl Gutzkow wurde, woran Arno Schmidt seine Freude hätte, in der Klassikerliste geführt, oder jener mühsam witzige, in Metternichs Diensten spionierende Moritz Gottlieb Saphier. Von Otto Ludwigs Sämtlichen Werken ganz zu schweigen.