Zu den Legenden, die sich um den „Spiegel“ ranken, gehört jene, Montag vormittags stehe das Räderwerk der Hauptstadt am Rhein still, weil die Bonner Beamten furchtsam das Hamburger Nachrichtenmagazin durchblättern, auf der Suche nach Böcken, die sie geschossen haben könnten. Daß zu Wochenbeginn auch ein Stillstand der Rechtspflege eintrete, weil landauf, landab bundesdeutsche Richter sich die Lektionen des Gerichtsberichterstatters Gerhard Mauz zu Gemüte führten, hat sich bislang zu einer Legende noch nicht verdichtet. Obwohl es offenkundig ist, daß der „Spiegel“-Gerichtsberichterstatter ein Anliegen hat – mag das Wort noch so schrecklich klingen, er hat es wirklich. Es wird dies nicht nur deutlich, wenn man seine Berichte liest, es wird noch viel klarer in der Sammlung dieser Berichte, die jetzt als Buch erschienen ist:

Gerhard Mauz: „Die Gerechten und die Gerichteten“; Ullstein Verlag, Berlin; 296 Seiten, 20,– DM.

Mauz beschreibt da beispielsweise den Fall des Ministersprößlings Manfred Leber, der mit seinem schnellen BMW auf der Autobahn den Fahrer eines kleineren Wagens durch wiederholte Bremsvorgänge in arge Bedrängnis gebracht haben soll. Sein darüber im „Spiegel“ erschienener Bericht – einer der wenigen, die dort nicht mit seinem Namen gezeichnet wurden – schließt mit dem Satz: „Der deutsche Autofahrer, Minister Leber sagte es, ist besser als sein Ruf. Nur ist sein Ruf sehr schlecht.“ Im Buch geht es aber noch weiter, und Mauz läßt hier sein Anliegen aus dem Sack: „Der Berichterstatter hat ein unbehagliches Gefühl. Soll er dem netten jungen Mann (gemeint ist der freigesprochene Ministersohn) einen privaten Brief schreiben? Nicht doch, wie sähe das aus; als ob man sich als Richter fühlt. Als ob man nachholen wollte, was der Herr Assessor Görke vielleicht hätte doch sagen sollen, gelegentlich des Freispruchs.“

... als Richter fühlt – da sitzt man im Gerichtssaal, verfolgt die Verhandlung, sieht, wie hilflos die Dolmetscherin im Hildesheimer Verfahren gegen den Nigerianer Peter Chukwu agiert, wie sie sinnentstellend übersetzt, gebräuchliche Vokabeln nicht kennt, wie taktlos der Vorsitzende von einem Fettnäpfchen in das andere tappt – und darf nicht eingreifen. Die Strafprozeßordnung sieht Eingriffe des Gerichtsberichterstatters nicht vor. Was bleibt diesem übrig – von dem mündlichen Rat an den Verteidiger oder Gutachter abgesehen: Glauben Sie mir, ich habe da Erfahrungen –, was bleibt übrig, als seine Story zu schreiben und zu hoffen, daß sie den Gang des Prozesses doch ein wenig verändern möge, wenn Richter und Geschworene sie noch vor der Urteilsfindung lesen.

Mauz will nicht nur beschreiben, was sich vor und hinter den Schranken des Gerichts an Tragödien und Komödien abspielt; er will bewegen. Ob er es tut? O Deutschland, deine Richter! Sie schätzen den „Spiegel“-Mann aus Hamburg, aber ob sie sich seinem Urteil beugen, dem Urteil eines Journalisten?

Dabei macht er sich’s wahrlich nicht leicht mit seinem Urteil, der „Spiegel“-Reporter Mauz. Und es darf wohl unterstellt werden, daß er nicht nur an der deutschen Justiz leidet, sondern auch an seinen Redaktionskollegen im „Spiegel“, die ihm vorschreiben, auf wieviel Zeilen er seine Lektionen zwängen muß. Natürlich auf viel zu wenig Zeilen! Und es darf wohl unterstellt werden, daß seine Kollegen, wenn sie den Namensschreiber Mauz auch nicht hart redigieren, so doch ihn straffen und kürzen. Die Mauz-„Spiegel“-Berichte mit der Mauz-Buchfassung zu vergleichen, ist ein amüsantes Unterfangen. Unterschiede lassen sich da schon feststellen. „Das Kriegsende überlebte er in Berlin“, steht im „Spiegel“-Bericht über den Todesschützen Kurras. Im Buch: „Bei Kriegsende wurde er in Berlin verheizt.“ Im „Spiegel“: „Am Abend aber allein und isoliert: Da handelte er einen tödlichen Augenblick lang.“ Ausführlicher und der Wahrheit gerechter werdend im Buch: „... allein war er und isoliert: Da schlug es über ihn zusammen. Da handelte er in Panik, einen kurzen tödlichen Augenblick lang.“

Bitte, nicht kürzen – Journalistenleid – Mauz gesellte sich zu denen, die sich jetzt davon befreien konnten, die ihre Originalfassung, verbessert, ergänzt und auf den neuesten Stand gebracht, publizieren. Mitunter stand im „Spiegel“ sogar etwas mehr, was im Buch dann weggefallen ist. Im „Spiegel“: „Bitte, bitte, nicht schießen“, soll Benno Ohnesorge gerufen haben. Im Buch: „Bitte, nicht schießen ...“