Von Hellmuth Karasek

Frankfurts Theaterfreunde dürfen nach dieser Hamburger Premiere (zunächst? – endgültig?) aufatmen. Als vor rund einem Jahr im Wettstreit zweier edler Metropolen um Monks Intendanten-Gunst das Deutsche Schauspielhaus den längeren zog und die Städtische Bühne den kürzeren, mochte Frankfurt mit einem gewissen Neid nach Hamburg geblickt haben. Soviel ist sicher: nach einer Einübung in den „Gehorsam“ und nach den „Räubern“ besteht berechtigter Anlaß zu diesem Neid momentan nicht mehr. Hätte diese Schiller-Premiere, sagen wir, in Castrop-Rauxel, Oldenburg, Esslingen oder Regensburg stattgefunden, man könnte sie mit einem Achselzucken zur lieben Gewohnheit der deutschen Theaterprovinz rechnen. So aber war sie der zweite Versuch, in Hamburg einen neuen Theaterstil einzuführen – und dazu war sie, leider, ähnlich geeignet wie ein Salzhering zum Durststillen.

Das Schlimme ist: mit Monk läßt sich im Falle der Räuber nicht darüber streiten, ob er den Schillerschen Erstling bizarr oder aktuell oder zumindest strikt vom Herkommen entfernt interpretiert habe. Alle „grundsätzlichen Erwägungen“ verstummen vor einer Inszenierung, mit der man rechten müßte, ob sie schon die drei Hauptrollen in dem Stück irgendwie zu besetzen in der Lage war, ob sie über so winzige Details, wie sie das Auf- und Abtreten von Schauspielern darstellen, Klarheit hatte, ob sie an irgendeiner Stelle ahnte, daß Schillers ekstatische Ausbrüche, deckt man sie nicht durch Regie-Entsprechungen, in der simpelsten aller Klassiker-Gefahren schweben, nämlich der, zu unfreiwilliger Komik auszuarten.

Tut man für einen Augenblick so, als wäre der Premieren-Abend nicht in einer Anhäufung von Pannen und Peinlichkeiten kläglich verendet, dann müßte man fragen, aus welchem Grunde Monk eine nicht sehr glückliche Mixtur aus den vorhandenen „Räuber“-Fassungen hergestellt hatte, in der zwar nichts über das „tintenklecksende Saeculum“ zu hören war und auch andere, sich der Zitatfreude anbietende Textpassagen fehlten, in der aber Karl Moor seinen Bruder nicht mehr bei lebendigem Leibe haben zu wollen schien, Schweizers Selbstmord also wegfiel und Karls Umschwung zur Entsagung allen Rachegelüsten nur noch jähe Idee eines sprunghaften Autors war. Man müßte sich dann weiter fragen, warum Monk es nicht mit dem üblichen Schluß, nach dem einem Manne geholfen werden kann, genug sein ließ, statt dessen noch ein verlegenes, anderes Räuber-Ende anfügte. Denn der Gewinn war, milde gesagt, auch für das Ende gering. Man könnte, im Falle einer durchgehenden Interpretation, auch gefragt haben, was sich denn Monk, außer äußerlichsten Brecht-Reminiszenzen, davon versprach, daß er die Monologe von Franz und Karl aus dem Stück an die Rampe nahm, wo doch derart wilde Psychogramme als eingeschobene, kühle Selbsterläuterungen nicht nur die wilden Zuckungen des Stücks sprengen, sondern einfach nur ungemäß und lächerlich wirken.

Aber leider verführte die Aufführung im Deutschen Schauspielhaus nicht einmal zu solchen Fragen. Sie war nur noch peinsam, wenn Karl mit dem Pistol seinen dem Hamlet nachempfundenen Monolog über Sein oder Nichtsein so ins Publikum richtete, als wollte er die respektlosen Lacher bedrohen. Sie war nur noch komisch, wenn Franz seine Überlegungen über die Ungerechtigkeiten der Natur vortrug wie ein Referat vor dem pp. Publikum, um sich dann in einer verlegenen Mini-Szene, weil er ins Stück zurückmußte, noch rasch an seinen Schreibtisch zu setzen.

Ob es sich darum handelte, daß Franz nach Licht rief, obwohl er bei Kerzenschimmer saß und auch sein braver Diener ihm nur 2 (in Worten: zwei) Kerzen mehr anstecken konnte, oder darum, daß ein Kaplan mit theatralischem Ungefähr-Mut unter die Räuber geriet – man hätte, damit es ein diskutabler Theaterabend geworden wäre, im einen Fall erwartet, daß die Lichtfrage nicht nur naturalistische Mühsal verursachte, im andern Fall, daß man zu spüren bekam, ob der Pfarrer nun aus Fanatismus, aus gläubiger Angst, aus Fehleinschätzung der Räuber oder aus was für Gründen auch immer sich in die böhmischen Wälder wagte. Eines jedoch nicht: Daß er es nur tat, weil man auf dem Theater ist und da einer ungefährdet alles, was er zu sagen hat, aufsagen darf, ohne daß ihm jemand ein Haar krümmt.

Nur in einem Punkt war der Abend eine Überraschung. Gilt es sonst als Faustregel für Räuber-Aufführungen, daß zwar Karl sympathischer ist als Franz, Franz aber die dankbarere Rolle hat (weil eben Schurken „interessanter“ sind als strahlende Helden), so lieferte Hamburg den Gegenbeweis: aller Zorn und alles Mißbehagen fielen dem armen Franz zu, aus der Canaille wurde ein Sündenbock. Was Franz auch sagte und tat, immer gab es ein Echo hämischen Gelächters im Parkett und auf den Rängen.