Aus den „Antimemoiren“ Von André Malraux

Übersetzung: Carlo Schmid

Gestern abend hat man angerufen, ich möchte doch die Botschaft nicht verlassen. Um dreizehn Uhr neuer Anruf: Man erwartet mich die fünfzehn beim Der Form nach geht es um die Audienz beim Präsidenten der Republik, Liu Schao-tschi; aber das „man“ läßt den Botschafter vermuten, daß Mao selbst dabeisein wird.

Fünfzehn Uhr. Das Giebeldach des Volkspalastes ruht auf stämmigen ägyptischen Säulen mit rotbemalten Lotoskapitälen. Ein über hundert Meter langer Korridor. An seinem Ende im Gegenlicht (wohl in einem Saal) etwa zwanzig Personen. Zwei symmetrische Gruppen. Nein, es ist nur eine Gruppe, die geteilt aussieht, weil die Leute, die mit dem Gesicht gegen mich stehen, sich in einem gewissen Abstand hinter der Hauptperson aufbauen: Mao Tse-tung. Ich gehe auf Liu Schao-tschi zu, ist doch mein Beglaubigungsschreiben an den Präsidenten der Republik gerichtet. Niemand rührt sich.

„Herr Präsident, ich habe die Ehre, Ihnen diesen Brief des Präsidenten der Französischen Republik zu übergeben, darin General de Gaulle mich mit der Aufgabe betraut, dem Herrn Präsidenten Mao Tse-tung und Ihnen selbst seine Vorstellungen und Absichten zu erläutern.“

Bei der Stelle des Satzes, in der von Mao die Rede ist, richte ich mein Wort an ihn, und nach der Übergabe des Briefes stehe ich gerade in dem Augenblick vor ihm, da die Übersetzung zu Ende geht. Die Art, wie er mir begegnet, ist herzlich und zugleich merkwürdig ungezwungen, als wolle er sagen: Zum Teufel mit der Politik. Doch er sagt:

„Sie kommen aus Yenan, nicht wahr? Wie ist Ihr Eindruck?“