Von Wolfgang Werth

Auf den Seiten 200 und 202 wird je eine Wortsalve auf die Frankfurter Buchmesse („Sprachorgie ohne Sinn“, „ausgeklügeltes Zeremoniell dieses riesigen Ausverkaufs“, „größte Wörterwanderung aller Zeiten“) abgefeuert. Doch die Munition bleibt rhetorisch. Der sich ihrer bedient, Ernst Herhaus, ist jedenfalls nicht darauf aus, die alljährlich steigende Bücherflut zu dämmen. Im Gegenteil, er mehrt den Überfluß nach Kräften. Kaum hat er im vergangenen Jahr mit der „Homburgischen Hochzeit“ seinen weithin beachteten literarischen Einstand gefeiert, da ist er bereits mit einem zweiten, sogar noch 60 Seiten dickeren Buch zur Stelle –

Ernst Herhaus: „Roman eines Bürgers“; R. Piper & Co. Verlag, München; 300 S., 19,80 DM.

Trotzdem besteht kein Anlaß, Herhaus als Eilschriftsteller zu schmähen. Das zweite Buch kommt offenbar aus der Schublade und wäre mithin genaugenommen das erste. Der Autor versah es mit den Daten 1965 und 1968, wobei die zweite Jahreszahl wohl nur besagt, daß er das vor der „Homburgischen Hochzeit“ (1966/67) entstandene Manuskript in jüngster Zeit noch ein wenig aufbereitet hat – vielleicht, um die Selbstkritik zu besänftigen, die ihn seinerzeit bewogen haben mag, es beiseite zu legen. In der Tat fügt dieser verspätete Erstling dem Herhausschen Spektrum keine neuen Farben hinzu, und in vielem bleibt er hinter der weitaus originelleren „Homburgischen Hochzeit“ zurück.

In der Anlage sind beide Bücher nah verwandt. Doch während die Geschichte des Erich Hals recht überzeugend ihre Eigengesetzlichkeit ausspielt, wird das Konzept des „Romans“ nur unzulänglich in die erzählerische Tat umgesetzt. Seine Grundlinien verwischen sich dabei so sehr, daß man nur mit einiger Mühe die für ihre Nachzeichnungen nötigen Anhaltspunkte herausfindet.

Der Titel des Buches will gleichzeitig als genitivus subjectivus und als genitivus objectivus verstanden sein. Es handelt sich um einen Roman, in dem ein Bürger von einem Bürger erzählt. Der Erzähler und der, von dem erzählt wird, tragen den gemeinsamen Namen Clemens Blumenschein. Sie sind weder zwei verschiedene Personen noch miteinander identisch. Vielmehr erscheint jeder als die Fiktion des anderen und ist nur durch diesen wechselseitigen Bezug definierbar, der als eine Art Osmose bezeichnet werden könnte. Im Verlaufe des Buches tauschen Clemens und Clemens einander aus, wobei durchaus nicht immer ersichtlich ist (und auch nicht ersichtlich sein muß), auf welche Erscheinungsweise des zweieinigen Clemens sich die jeweilige Mitteilung bezieht. Das Maß der Übereinstimmung verändert sich, die Grenze zwischen der Fiktion ersten und der Fiktion zweiten Grades ist beweglich und wird gelegentlich ganz aufgehoben.

Trotzdem läßt sich die Zielrichtung dieses Spiels erkennen: Clemens, der Erzähler, inszeniert es als „eine Art Selbstversuch“. Sein Wunsch ist es, sich „systematisch und für immer unmöglich zu machen“, sein Ich zu fliehen, „ohne in der dritten Person unterzutauchen“. Gelingt das, so bedeutet diese „Selbstzerstörung“ ihr Gegenteil, nämlich „Selbsterhaltung“: Befreiung aus der linearen, unvermeidlich mit dem Tode endenden menschlichen Existenz und aus den Zwängen der Bürgerlichkeit, die dieses Leben – die mit der Geburt beginnende Agonie, das unaufhaltsame Absterben – noch mehr einengen und eine „Welt perfekten Scheins“ produzieren, „in der als Selbstbeherrschung galt, was geeignet schien, anderen Menschen ein möglichst unscharfes Bild von sich zu bieten“.