Von Friedebert Becker

In Marseille treffen am kommenden Mittwoch die Nationalmannschaften von Frankreich und der Bundesrepublik aufeinander. Aus der Geschichte der Länderspiele dieser beiden Nachbarn plaudert hier ein Augenzeuge.

Nie zuvor erlebte Paris eine solch friedliche Invasion wie bei der Fußballpremiere Frankreich gegen Deutschland im März 1931. Keiner von uns ahnte damals, daß neun Jahre später eine kriegerische Invasion Paris bedrohen sollte. Über 10 000 begleiteten die deutsche Nationalmannschaft an die Seine. Die Kolonnen an den Eiffelturm-Lifts stauten sich, es kam zu Verbrüderungen. Paris feierte seine Gäste. Die Freundschaft der beiden großen Staatsmänner Briand und Stresemann schwang nach in der ausgelassenen Volksstimmung. Der Sportminister Frankreichs – das gab es damals schon – rühmte abends beim Bankett die musterhafte Haltung der Gäste.

Gelassen, eher amüsiert nahmen die Deutschen im Stadion hin, daß statt des Deutschlandliedes ein paar krächzende Grammophontakte von „Ich bin ein Preuße“ die Mannschaft begrüßten. Selbst auf der deutschen Botschaft hätte man so schnell nicht die richtige Hymnenplatte bekommen können, entschuldigten sich später die Franzosen. Damals repräsentierten nur wenige Preußen die deutsche Mannschaft...

Das Spiel entschied dann (1 : 0) das berühmt gewordene Selbsttor in der 13. Minute des Aacheners Münzenberg, heute ein angesehener Hoch-Tief-Bauunternehmer. Herbergers Vorgänger, Otto Nerz, war damals mit vielbelächelten Kursen seiner Zeit schon weit voraus. Er legte auch Wert darauf, daß das Hotel der deutschen Mannschaft möglichst geheim blieb, auch für die Presse. Mein Reisenachbar, der Photograph Schirner, und ich beschlossen, das Hotel auszukundschaften und gaben einem Taxifahrer den Auftrag, dem Wagen von Georg Xandry, seinerzeit Generalsekretär des Deutschen Fußballbundes, nachzufahren. Er hatte Expeditionsmitglieder vom Zug abgeholt. Was in tausend Fällen einmal vorkommt: Die Taxe bekam eine Panne, blieb stehen. Der hilfsbereite Chauffeur, der eine geheimnisvolle Jagd, womöglich von Kriminalisten vermutete, verhalf uns blitzschnell zu einem anderen Wagen, der uns auch an das Ziel brachte, das Littré-Hotel.

1933 in Berlin mißlang die Revanche (3 : 3). 3:1 hatten die Deutschen geführt, in 100 Sekunden glichen die Franzosen aus. Erstmals übernahmen bei einem großen Fußballspiel SA-Kolonnen den Ordnungsdienst. Die „Machtergreifung“ Hitlers sechs Wochen zuvor und die anschließenden Wahlen erzwangen eine Verlegung des Länderspiels um zwei Wochen. Die Zuschauer im alten Grunewaldstadion, das für die 1916 in Berlin geplanten Olympischen Spiele gebaut worden war, riefen so lange nach dem Rekordschützen Richard Hofmann, bis er auch in das Team genommen wurde. Es sollte sein letztes Länderspiel sein.

Eine politische Sensation überschattete auch den dritten Länderkampf im März 1935, in Paris. Am Vortag kündeten Riesenbalken der Pariser Presse, daß Hitler den Vertrag von Versailles gebrochen und die Wehrmacht ins Rheinland hatte einmarschieren lassen. Wir fürchteten die Absage des Spiels und Demonstrationen. Die Franzosen im Stadion aber, unbeeindruckt von der Reaktion ihres Außenministers Laval, brachten vielmehr der 3:1 siegreichen deutschen Mannschaft bei Empfang und Abschied Ovationen dar. Münzenberg, inzwischen ein Star geworden, spielte wieder mit und war neben Meisterhüter Jakob, den Flügelzangen Lehner – Kobierski und Außenläufer Grämlich – heute Präsident der Eintracht Frankfurt – einer der Besten des Feldes. Die damals größte französische Sportzeitung L’Auto (heute L’Equipe) verwarnte heftig Außenminister Laval, er möge aus dem Schauspiel der Verbrüderung mit Hitlers Fußballspielern die wahre Stimmung ablesen.