Unser Kritiker sah:

DIE SCHLACHT DER SIEBEN TAGE UND NÄCHTE

Drama von Armand Gatti Schloßtheater in Celle

Der 44jährige Franzose Armand Gatti wird immer interessanter für deutsche Bühnen. Erwin Piscator hätte ihn neben Rolf Hochhuth gern als Hausautor für die Freie Volksbühne in Berlin verpflichtet. Erste deutsche Versuche mit Gatti fanden dann in der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer, in Ulm, Essen, Frankfurt am Main und Kassel statt. Während der Berliner Festwochen 1968 wird eine französische Truppe mit „La Naissance“ gastieren. Drei westdeutsche Theater kündigen deutsche Erstaufführungen von Gatti an. Celle machte den Anfang.

Gatti schreibt politisches Theater. Seine antibürgerliche Dramaturgie konstituiert die „innere Sicht“. Als wesentlich stellt sich ein philosophisches Problem heraus: die Identität. Um den Menschen zu fixieren, projiziert Gatti eine Utopie, die Zukunft, in die Vergangenheit und landet in der Relativität: Geschichte als Legende. Anrührend wirkt die Trauer um den Menschen, die Gatti trägt – frei nach Strindberg und O’Neill. Doch in den Guckkasten Theater stopft er allzu viel Begrifflichkeit.

Das Anschauungsmaterial dürfte für deutsche Zuschauer nicht ohne historische Einführung in den Stoff verständlich sein. Den Ausgangspunkt bildet ein Ereignis im chinesischen Bürgerkrieg. Die anfangs revolutionäre Kuomintang ist unter Generalissimus Tschiang Kai-schek reaktionär geworden. Ihre Soldaten haben die Truppen der chinesischen Roten Armee, die für eine Volksrepublik unter Mao kämpft, in der Schlacht der sieben Tage und sieben Nächte besiegt. Ein Partisanenführer, Li Tsche-liu, die Hauptperson des Stücks, beruft ein imaginäres Gericht ein. Er will, von der Zukunftsvision einer kommunistischen Volksrepublik ausgehend, die Niederlage zum Anfang, des Sieges umwerten. In 72 Szenenfragmenten stellen sich dem „Gericht“ die Beteiligten beider Seiten.

Bei seinem Versuch, eine Wirklichkeit, wie sie Gatti in China erfuhr, zu „erhellen“, berühren den Zuschauer hierzulande stimmungshaft: chinesisches Zeremoniell, wie es schon von Brecht als exotisches Stimulans verwendet wurde, und Blitzlichter individueller Situationen. Dazwischen hört man politische Phrasen – platt formuliert, doch nicht als Agitation ins Parkett geschleudert.

Armand Gattis Stücke rechnen mit der omnipotenten Technik moderner Theaterbauten. Deren szenische Illusionsmöglichkeiten könnten ins philosophierende Spiel die zwar nicht vordergründige, aber implizierte politische Agitation mischen. Der in Celle regieführende Intendant Hannes Razum ging, auch von seiner kleinen Bühne dazu genötigt, den entgegengesetzten Weg. Razum ließ sich von Hans-Günther Spornitz einen aus abstrakter Plastik geformten Rahmen bauen, der en miniature an die Szenerien Wotrubas erinnerte. In gleichbleibendem Licht rezitierten die Schauspieler den Text als Simultanspiel auf mehreren Podesten. Die beträchtlichste Leitung des Regisseurs war dramaturgischer Natur: Razum schrieb aus dem Textmaterial des Autors einen eigenen Prolog. Mit diesem dankenswerten Leitfaden im Gedächtnis hörten die Zuschauer geduldig der überlangen Vorstellung zu. Johannes Jacobi