Von Dietrich Strothmann

Jochen von Lang (Hrsg.): „Adolf Hitler. Gesichter eines Diktators“; mit einem Vorwort von Joachim Fest; Christian Wegner Verlag, 96 Seiten, 20,– DM.

Stimmt es denn, was der Volksmund verbreitet: daß der Mensch für sein Gesicht verantwortlich ist. von einem bestimmten Alter an zumindest? Krankheit, Ängste, Altersschwäche, Verletzungen zeichnen ein Gesicht, verändern, entstellen es sogar. Trägt der Betroffene daran eine Schuld, ist er haftbar für den Abscheu, den eine Bild erregt? Ein Kindsmörder kann aussehen wie ein Schmetterlingssammler, ein Kunstmaler dreinschauen wie ein Delinquent. Welche Gewähr also bietet ein Gesicht für das Charakterurteil? also Böse etwa in Eichmanns Blick erkannten viele erst, nachdem sie erfahren hatten, was er verbrochen. Kaduks Grinsen im Auschwitz-Prozeß empörte, weil er auf der Anklagebank saß. Gesichter können Masken sein, Biedermannsverstellungen, Spießbürgertäuschungen. Gesichter verleiten oft zu Irrtümern.

Das Gesicht des Adolf Hitler, das offizielle, den Massen zwölf Jahre lang hergezeigte – was anders als Siegesgewißheit, Tapferkeit, Durchhaltewillen, auch Menschenfreundlichkeit demonstrierte es? Verbrechen, Verachtung seines eigenen Volkes, Gelüste eines krankhaften Hirns kamen da nicht zum Vorschein, nicht für die allermeisten. Der Teufel hat viele Gesichter, trägt viele Mienen zur Schau. Er demaskiert sich erst in der letzten Stunde. Und dann ist das Erschrecken groß, das Erschrecken auch über das eigene Unvermögen, nicht gleich dahinter gekommen zu sein: wie gemein, wie kriminell es doch war, von Anfang an – dieses Gesicht Adolf Hitlers. Zu lange hatten sich zu viele das Bild von ihm gemacht, das er von sich selber haben wollte, das Führergesicht, die Gloriole.

Auch in der Sammlung bislang meist unbekannter Hitler-Photos, die Jochen von Lang in diesem Anti-Hitler-Album ediert hat, taucht dieses Gesicht zuweilen auf, das amtliche, vom Porträtierten persönlich genehmigte: der stolze, sendungsbewußte, menschliche Hitler. Mehr aber, und das in dieser Materialfülle zum erstenmal, blickt einen der andere Hitler an: Aus der Frühzeit der Gernegroß in Lederhose und Zopfstrümpfen, den Mund unter dem Schnauzbart zusammengekniffen, sodann, als Masseneintreiber vor der „Machtergreifung“, der Viehhändler mit Filzhut und Hundepeitsche am Handgelenk, später nacheinander der Gaukler in Frack und Zylinder, der „erste Soldat des deutschen Volkes“ mit SA-Mütze und Schulterriemen, der Schausteller, der Mädchenköpfe streichelt, betörten Frauen die Hand reicht, sich im „Heil“-Gebrüll Nürnberger Parteitagsekstase aufrichtet, breitbeinig, die Linke am Koppel, die schwarze Strähne in der Stirn.

Und diese Augen, die, wie man inzwischen weiß, auch den Widerwilligsten zeitweilig in ihren Bann schlugen, bohrende, stechende, bezwingende Augen, die drohten oder auch schmeianderen je nach Absicht and Sriantion. Da, ais

Bezwinger, Triumphator, war noch alles Pose, einstudierte Allüre. Gegen Ende seines „Tausendjährigen Reiches“ fiel dies ab. Was einmal „markant“ war, Eroberer-Attitüde, wurde schwammig, faltig, grau, leer. Das Photo von seinem letzten Frontbesuch zeigt einen Gnom: eingefallene Schultern, der Ledermantel schlottert, die Arme sind marionettenhaft steif, der Schirm der Mütze verdeckt fast völlig die Augen.