Wo in Europa sind heute die Miniröcke am kürzesten und die Speisekarten am längsten. Wo wird das traditionsreichste Ballett gepflegt und der heißeste Beat getanzt? Wo kann man ungestört von Autoverkehr eine lange Fußgängerstraße quer durch eine Hauptstadt vergnüglich abbummeln und dabei die erlesensten Auslagen kunsthandwerklichen „designs“ betrachten? Wo rauchen Frauen öffentlich Zigarren, und wo finden wir Hans Christian Andersens Märchenfiguren in blau-weißem Porzellan wieder? Wo sitzt man – von lauter Gammeltypen umgeben – im Straßencafe, um später im festlich beleuchteten Hof eines gepflegten Hotels einem Smørgasbord mit Aalborg-Aquavit zuzusprechen? In Kopenhagen, Dänemarks Metropole. Eine gastliche Stadt fürwahr und eine teure freilich auch – durch eine zusätzliche Verbrauchersteuer. Sie läßt den Dänen seufzen – und dann doch nach Herzenslust weiterschlemmen. Der Tourist, zunächst erschrocken, wird fröhlich angesteckt: – Skol und Tak, Prost und Danke, damit kommt man in Skandinavien eine Weile ganz gut durch.

Abends gegen sechs marschiert eine Miniaturausgabe der königlich-dänischen Garde durchs „Tivoli“. Das Wort klingt italienisch, und das große Rathaus aus roten Backsteinen auf Kopenhagens größtem Platz sieht auch italienisch aus, wie ein Renaissance-Palast aus Florenz, der sich ein bißchen nach Norden verirrt hat. Aber das Tivoli in Kopenhagen hat mit dem Tivoli des römischen Kaisers Hadrian nur dies gemeinsam, daß auch ein Monarch es gründete, ein dänischer König – zunächst als Gemüsegarten. Nun ist es ein Vergnügungspark, „des Volkes wahrer Himmel“, mit Riesenrad und Würstchenbuden, Tanzböden und Schießständen. Bunte Glühbirnen in Girlanden über den Brückchen und Teichen, alles klein – eine Spielzeugwelt, für richtige Kinder und erwachsene Kinder, und gegen sechs zieht die Wache auf mit klingendem Spiel: pausbäckige Knirpse unter der dunklen großen Bärenfellmütze, in rot-weißen Uniformen, mit Schellenbaum und Pauke, blitzenden Trompeten und Tambourmajor vorneweg – eine genaue Kopie der richtigen Garde, die täglich am königlichen Schloß paradiert. Ja, Dänemark, die Musterdemokratie ist eine Monarchie – eine gute, eine soziale: Kein Däne darf hungern und frieren. Das Fünf-Millionen-Volk ist ganz sichtbar entschlossen, das Leben zu lieben, ohne den lieben. Gott einfach einen guten Mann sein zu lassen.

Den besten Blick hinunter auf die Millionenstadt Kopenhagen hat man vom obersten Stockwerk des neuen SAS-Hotels. So also sieht es aus: das Altehrwürdige und auch das Häßliche auf jeden Fall überpinselt, denn Dänemark ist farbenfreudig, farbenmutig.

Komisch-hübsch wirkt sich das aus am Nyhavn, einer alten Straße in der Hafengegend. Die schmalbrüstigen Häuserchen wetteifern mit bunten Giebeln und noch bunteren Türen; alles spiegelt sich im Kanal davor. Kneipe liegt hier, neben Kneipe, und ein Matrose, der schwer geladen hatte, warf mir seine Mütze mit den langen Bändern in den offenen Wagen. Ich warf sie ihm zurück, und gleich darauf hatte ich mich verfahren. Ehe ich den Stadtplan entfalten konnte, hielt ein Wagen neben mir, und man fragte, ob ich Hilfe brauchte. Der Mann am Steuer forderte mich auf zu folgen, lenkte mich durch die halbe Stadt, hielt bei der Adresse, die ich genannt hatte, stieg aus, lachte, wünschte mir Glück und fuhr weiter. Wo passiert einem das schon?

In Dänemark ist nichts weit. Überall hin führen gute Autostraßen. Es gibt keine Berge; zwischen Nordsee und den Ostseeausgängen ist Jütland eine flache Zunge am europäischen Festland, und dazu kommen viele, viele Inseln. Brücken, Fahren, Boote verbinden sie alle miteinander. Kaum eine Autostunde nördlich der Hauptstadt schon ländliche Ruhe, behäbiger Frieden. Louisiana heißt ein kleines Museum. Ein dänischer Bürger und Patrizier stiftete sein weißes Haus am Meer mit großem Park für Bilder und Skulpturen. Er nannte es Louisiana nach seinen drei Frauen, die allesamt den Vornamen Louise gehabt hatten. Nun stehen da Henry-Moore-Bronzen auf dem Rasen und noch Moderneres; von den uralten Bäumen tropft ein Sommerregen, zwischen den Stämmen schimmert silbergrau der Öresund. In einem gläsernen Anbau hängen kühne Bilder an den Wänden. In der Mitte ein Kamin, hinten ein Ausschank, wo es Milch und Bier und natürlich Smørgasbord gibt. Ein großes Wohnzimmer eigentlich mit privater Atmosphäre, aber jeden Freitag gibt es hier ein Konzert, und die besten Interpreten spielen Mozart oder Strawinsky oder auch Jazz. Hinter diesem Raum, der sich zur See hin öffnet, verirrt man sich dann in weiteren Gängen und Zimmern mit Bildern und Skulpturen. Ein hoher Raum hat eine riesige Glaswand. Man sieht einen Teich mit grüner Entengrütze, von Trauerweiden umstanden, und braune Enten rudern und tauchen darin herum.

Fredensborg, wo das dänische Königshaus sein Sommerschlößchen hat: ein riesiger Park, undressiert, aber gepflegt, zu einem See hinunter, Rosengehege und weiße Putten, Fachwerk, und die Blätterkronen vielhundertjähriger Platanen rascheln im Sommerhauch, Hier werden dänische Prinzessinnen verheiratet; standesgemäß möglichst. Aber auch der dänische Bürger und Tourist kann Fredensborg von Herzen genießen. An einem Sonntagvormittag traf ich hier im Schloßhof zwischen den rot-weißen Schilderhäuschen auf viele funkelnd aufgeputzte Veteranen-Autos. Sie standen mit donnernden Motoren am Start für ein Rennen ins Herz der Hauptstadt. Alte Fords und Jaguars, Mercedes aus den zwanziger Jahren, und am Steuer Herren der Kopenhagener Gesellschaft in Kostümen der Zeit, im Fond ihre Damen mit Hüten und Pelzstolas, und alle lustig entschlossen, ihr Steckenpferd nicht zu ernst zu nehmen. Dänemark, du hast es besser: Deine Bürger vertragen sich; dein König fährt mit dem Fahrrad, und deine Untertanen sind keine. Thilo Koch