Von Peter Demetz

Schwarze Schimmel sind nicht in der Natur, aber in der Welt der Dialektik zu Hause, und jene Tschechen, die sich der kritischen Erforschung der deutschen Literatur verschrieben, hatten ihre Sache seit jeher in einer Welt des Entweder-Oder auszutragen. Tschechen und Germanisten? Ihre Kollegen von der weiland Prager deutschen Fakultät verwechselten Literatur mit Volkstumskampf (wenn sie nicht eben die Habilitation jüdischer Kollegen hintertrieben), und die tschechischen Landsleute blickten, aus Gründen, eher nach Paris oder Moskau als nach Wien oder Berlin.

Aber die Traditionen der tschechischen Germanistik sind nicht jünger als jene der modernen tschechischen Universität: Arnošt Kraus (der als alter Mann in Theresienstadt starb) schrieb über Goethe in Böhmen; Otokar Fischer, als Theaterdirektor, glühender Goethe-Übersetzer, Freund der Frauen und Universitätsprofessor fast ein Universalgenie, analysierte die psychologischen Labyrinthe Kleists, Heines und Nietzsches (ihn rührte der Schlag, als er im Radio hörte, wie die österreichischen Nationalsozialisten Hitler auf dem Wiener Heldenplatz begrüßten); der sensible Vojtech Jirat nutzte in seinen Platen-Studien die strukturalistischen Praktiken des Prager Linguistischen Kreises; Hugo Siebenschein, in vielen Anthologien und Editionen lange vermittelnd zwischen den Nationen, schrieb eine ausgezeichnete Studie über den Humor der deutschen Aufklärung, die man in Deutschland niemals zur Kenntnis nahm; in der jüngsten Zeit teilte Eduard Goldstücker seine Energien zwischen der politischen Arbeit und seinen Essays über die konkrete Welt Franz Kafkas und seiner Freunde.

In dem neuen Buch von

Rio Preisner: „Johann Nepomuk Nestroy: Der Schöpfer der tragischen Posse“; Literatur und Kunst, Carl Hanser Verlag, München; 256 S., brosch. 21,– DM

schließen sich die oft widersprüchlichen Traditionen der tschechischen Germanistik nach langer Zeit wieder zu einer substantiellen Arbeit internationaler Relevanz zusammen, die soziologische Analyse, den erbittertsten philosophischen Furor, der Kunst auf den Grund zu kommen, und das persönliche Engagement exemplarisch verbindet. Preisner (dem seine tschechischen Leser die Übersetzung Grimmelshausens, Hölderlins und Hermann Brochs verdanken) sagt selbst, er habe die Arbeit vor sieben Jahren geschrieben, „als jedes neue wissenschaftliche Buch zu einer eifersüchtig gehüteten Kostbarkeit“ wurde. In seiner drangvollen Isolation sind ihm Franz H. Mautners neue Nestroy-Essays entgangen, aber er hat (wie Erich Auerbach im Exil in Ankara) im Vorteil der Einsamkeit den Text des Schriftstellers aus seiner unverwechselbaren geschichtlichen Erfahrung gelesen (und die hat er, nach einigen Jahren im Zwangsarbeitslager, seinen jüngeren deutschen Kollegen, die ihre Politik im philologischen Seminar lernen, sicherlich voraus).

Preisner sieht Nestroy als dramatischen Schriftsteller der ersten industriellen Revolution der nachnapoleonischen Epoche: „Geboren in der Zeit der Postkutsche, gestorben im Jahre“, da man „New York durch Elektrizität“ illuminierte, hat es Nestroy mit der Welt Metternichs, der Revolution und des ungehemmten Kapitalismus zu tun – nicht als Erbe des westeuropäischen citoyen, sondern des mitteleuropäischen Untertanen, dem nicht die Französische Revolution, sondern die Teilung Polens und die unbarmherzigen Eingriffe der Staatskabinette in die Spontaneität zur Grunderfahrung wird.