Von Ernst Fischer

Klaus Wagenbach, stets um die Anerkennung der DDR als zweiter deutscher Staat und um die Förderung ihrer Literatur bemüht, hat einen neuen Gedichtband des in der DDR lebenden Wolf Biermann herausgebracht –

Wolf Biermann: „Mit Marx- und Engelszungen“, Gedichte, Balladen, Lieder, mit Noten zu allen Liedern; Quartheft 31, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 84 S., 5,80 DM.

Der Titel ist anfechtbar, doch unanfechtbar die sozialistische Gesinnung, das kräftige Talent des Dichters, unbestreitbar die Notwendigkeit, sein Werk dem Leser nicht vorzuenthalten.

Wolf Biermann schreibt nicht Verse, damit man sie im stillen lese. Er braucht die Tribüne, die Straße, das Volk, den Widerhall und Widerspruch, den Beifall und das Buh – dieser Troubadour der Arbeiterwelt und Bänkelsänger der Revolte. Er kommt nicht mit Fertigem, seine Dichtung ist nicht abgekühlt, sondern heiß vom Anlaß, unverfroren, unverfremdet, unmittelbar. Da gibt es nichts Geplättetes und Geglättetes, kein Schwinden des Stoffs in der Form, keine ästhetische Distanz; vielmehr ein Mittendrinsein im Prozeß des Entstehens und rücksichtslose Aufrichtigkeit.

Der Vater dieses lyrischen Draufgängers war ein Arbeiter, zum Tode verurteilt und hingerichtet im Hitler-Reich. Seine Mutter ist eine Arbeiterin in Hamburg, Inkarnation all dessen, was eine Avantgarde des deutschen Proletariats auszeichnet: unbeirrbare Tapferkeit, Standhalten in jeder Situation, Treue und Humor. Sie sang dem jungen Wolf die alten Arbeiterlieder vor, hinter verschlossenen Fenstern, hinter verriegelter Tür, und als man sie wieder singen durfte, ging der Hamburger Arbeiterjunge in das andere Deutschland, studierte dort an der Universität Mathematik und Philosophie, dichtete, komponierte und sang die neuen Arbeiterlieder. Seine Meister waren Villon, Béranger, Heine, Bertolt Brecht und Hanns Eisler.

Diese biographischen Notizen sind nicht überflüssig; denn so irrelevant zumeist die Herkunft eines Dichters ist – im Falle Biermann ist es gerechtfertigt, von einem Arbeiterdichter zu sprechen, eigenwillig, widerspenstig, jedes Geziere und Getue verabscheuend. Und zu sprechen ist von seiner Gitarre, von seiner Frische und Freundlichkeit, vom grellen Metall seiner Stimme, dem suggestiven Vortrag, der Lust an Gespräch, Streit und Kritik, dem Ensemble einer impulsiven, liebenswerten Persönlichkeit.