Der deutsche Aktienmarkt ist anfällig geworden. Zwar rühmen zahlreiche Kreditinstitute, wie rasch die deutschen Börsen die „Aufwertungspsychose“ – wie sie die Diskussionen über die Zweckmäßigkeit einer Wechselkursänderung bezeichnen – rasch überwunden haben, doch ist von dem alten Optimismus kaum etwas übrig geblieben. Zu viele Fragezeichen politischer und wirtschaftlicher Art liegen in der Luft. Und Ungewißheit verträgt nun einmal das Börsengeschäft am wenigsten.

Die Unsicherheit hat sich sogar bereits in den Kreisen der Investment-Sparer festgesetzt, denn von den Kreditinstituten wird berichtet, daß die Rückgaben von Zertifikaten merklich zugenommen haben. Das schlägt sich in der Absatzstatistik der einzelnen Fonds deshalb nicht nieder, weil die Banken und Sparkassen die zurückgegebenen Anteile ins eigene Portefeuille nehmen in der Hoffnung, sie bei Gelegenheit wieder placieren zu können.

Ganz offensichtlich sucht sich das Anlagekapital gegenwärtig neue Wege. Ein Teil geht ins Ausland, davon profitierten sichtbar in letzter Zeit die holländischen Standardaktien, vor allem Royal Dutch, eine Gesellschaft, die ihre Aktionäre mit einem Aktienbonus beglücken wird. Viel Geld, nicht zuletzt aus Aktienverkäufen stammend, fließt „sicherheitshalber“ in die festverzinslichen Papiere, bei denen die Einführung des Sechsprozenters daran erinnert, daß im Hinblick auf den sinkenden Kapitalzins in der Bundesrepublik ein Hinauszögern von Anlageentscheidungen Geld kostet.

Der bewegliche Teil der Bankenkundschaft und auch der sogenannte Börsenberufshandel, der bis in die letzten Tage auf eine Fortsetzung der Hausse spekulierte, sind über die neue Entwicklung enttäuscht. Das drückt sich in einer überstürzten Mitnahme noch vorhandener Kursgewinne aus. Daher rührt auch die Schwäche der GBAG-Aktien. Von der Einbringung der GBAG-Zechen in die Einheitsgesellschaft ließ sich an der Börse niemand mehr beeindrucken, obwohl dies als Voraussetzung für eine günstige Verwertung des restlichen GBAG-Besitzes gilt.

Wie aus Informationsdiensten zu erfahren ist, sollte sich die Compagnie Française des Petroles an 50 Prozent des GBAG-Kapitals interessiert gezeigt haben. Aber die Dresdner Bank, die bei dem Gelsenkirchener Unternehmern eine Art Schlüsselstellung besitzt, hätte angeblich abgewinkt. Vieles spricht dafür, daß die GBAG-Aktie auch in den nächsten Monaten noch ein interessantes Papier bleiben wird.

In den reinen Kohleaktien halten die spekulativen Käufe immer noch an. Wahrhaft euphorische Kursvoraussagen sind auf diesem Marktgebiet zu hören. Selbst Leute, die wegen ihrer Skepsis bekannt sind, beginnen allmählich daran zu glauben.

Mit Spannung sieht man unter den veränderten Umständen der NSU-Kapitalerhöhung entgegen, mit deren Durchführung in den nächsten Wochen zu rechnen ist. Sie ist nicht mit der jetzt laufenden Kapitalerhöhung der VEW zu vergleichen, wo ein großer Teil der Bezugsrechte von dem Großaktionär aufgefangen wird. Hinzu kommt, daß die VEW einer recht risikolosen Branche zugerechnet wird. Davon kann doch wohl bei der Automobilindustrie kaum die Rede sein. K. W.