Von Gustav Adolf Henning

Statt auf einem Fahrgestell ruht die Flugmaschine auf sechs Beinen, denn sie ist ein Insekt. Zwei Facettenaugen vermitteln ihm Informationen aus einer Umwelt, die diesem Typ nicht immer wohlgesonnen ist. Eine oft hereinkommende Information lautet, daß sich eine Fliegenklatsche sausend nähert oder die Klauen einer Fangheuschrecke bedrohlich größer werden. So ist die Flugmaschine der Stubenfliege ganz und gar auf Katapultstart eingestellt. Es kommt auf eine einzige Tausendstelsekunde an.

Ein bedrohte Libelle oder Heuschrecke braucht bloß vom Gehirn Nervenimpulse an die Flugmuskeln zu feuern. Die Muskeln ziehen direkt am Flügel und bringen ihn zum Wippen. Je nach der Zahl der Impulse pro Flügelschlag fliegt die Heuschrecke im ersten, zweiten oder dritten Gang. Fliegen besitzen dagegen ein stufenlos regelbares Getriebe. Aber sie fliegen und starten überhaupt ganz anders als große Insekten. Eine Heuschrecke schlägt nämlich nur zwanzig- bis fünfundzwanzigmal pro Sekunde mit den Flügeln, und da kann das Nervensystem noch ganz gut jeden Flügelschlag regulieren.

Kleine Insekten – wie die Fliege – schlagen zweihundertmal pro Sekunde mit den Flügeln, und dann kommt das Nervensystem buchstäblich nicht mehr mit. Vor wieviel hundert Millionen Jahren sich die Kleinen auch immer entwickelt haben mögen – sie mußten lange herumprobieren, um ein neues Flugprinzip zuwege zu bringen.

Wie es funktioniert, schildert der Münchner Insektenkundler Dr. Werner Nachtigall in seinem Buch

„Gläserne Schwingen“ – Aus einer Werkstatt biophysikalischer Forschung. Heinz Moos Verlag, München, 156 Seiten, 29,– DM.

Bei Fliegen greift der Hauptflugmuskel gar nicht an den Flügeln an. Jener Körperteil, an dem Flügel und Beine montiert sind, der „Thorax“, ähnelt funktionell einer leeren Schuhcremeschachtel: Drückt man am Deckel, springt er – klick – einwärts. Stößt man ihn wieder heraus, springt er – klack – auswärts. „Bistabiles Kippsystem“ nennt es der Techniker. Beim „Klickklack“ des Schachtel-Thorax einer Fliege werden die Flügel automatisch von einer stabilen Lage in die andere gebracht. Jedes Klickklack ist ein Flügelschlag. Und der Flugmuskel muß das Dach des Thorax rhythmisch einwärts ziehen. „Ausgebeult“ wird der Thorax durch einen kräftigen Muskel in der Körperlängsrichtung. Die Fliege fliegt also nach dem Knalldeckel-Prinzip.