Von Alex Natan

Harold Nicolson: „Diaries and Letters“; Vol. III: 1945–1962; Collins, London; 448 Seiten, 45 sh.

Es dürfte für viele Leser, die Harold Nicolson nicht kannten, schwierig sein, in diesen letzten Aufzeichnungen seines Lebens, die die Nachkriegszeit umspannen, jenen hochgebildeten, amüsanten und humanen Beobachter der zeitgenössischen Szene wiederzuerkennen, als der er sich in den ersten beiden Bänden (ZEIT Nr. 41/67) vorgestellt hatte. Jene „kalte“ soziale Revolution, die Nicolson und seine Frau, die Schriftstellerin Vita Sackville-West, kommen sahen, erwies sich als ein Klima, das nicht gerade förderlich für ein Mitglied der britischen „Haute volée“ war, das sich in Wirklichkeit im eduardischen Zeitalter heimisch fühlte.

Nicolson fühlte instinktiv, daß die Entwertung aller Werte, zu der die oberen Klassen erheblich beigetragen hatten, die gesellschaftliche Hierarchie Englands unterminieren und ihre traditionellen Lebensansichten stark verwässern würde. So schreibt er in einem Brief an die Gattin: „Wir beide mögen verschiedene politische Ansichten hegen, wir sind uns jedoch einig, keine Vulgarität zu dulden ... Du und ich ziehen die obere der mittleren Klasse ebenso vor wie wir Distinktion vor Vulgarität setzen.“ Paradoxerweise hat aber dieser so kluge und interessierte Beobachter, der sich bewußt zu der herrschenden Schicht der Athener zählte, sein Nachkriegslos ebenso bewußt in den Reihen der neuen Heloten gesucht, die nun zur Macht gekommen waren.

In den Parlamentswahlen des Sommers 1945 verlor Nicolson seinen Sitz. Weder Churchill, der Nicolson bedingungslos achtete, noch Clement Attlee dachten ernsthaft daran, dem mandatlosen „homo politicus“ durch Erhebung zum Lord eine neue Plattform zu verschaffen. Schließlich trat er der Labour Party bei, er, der nach seinem Temperament viel zu individualistisch eingestellt war, um Fraktionsdisziplin um jeden Preis einzuhalten. Man ließ ihn eine .schwierige Nachwahl ausfechten, die er verlor und die seine politische Laufbahn endgültig beendete.

Auch diesmal folgte die Berufung ins Oberhaus nicht, obwohl Gatte und Gattin eine nicht gerade erbauliche Korrespondenz bereits über den künftigen Titel führten.

Gerade diese Tagebuchnotizen, die sich mit der Labour Party befassen, haben bei ihrer Vorveröffentlichung den Unwillen vieler Leser gefunden. Den ausländischen Leser wird es noch mehr befremden, wenn er von Nicolsons Aversion gegen die Neger oder von seiner ausgesprochenen Antipathie gegen die Juden lesen muß, selbst wenn er hier immer wieder zahlreiche Ausnahmen gemacht hat. Nicht ohne Erstaunen nimmt man wahr, was sich dieses Mitglied der Labour Party notiert hat: „Ich bin überzeugt, daß unsere unteren Klassen aus mir unverständlichen Gründen erblich faul sind. Nur der Druck der Armut oder die Aussicht auf Gewinn lassen sie arbeiten. Sobald ihr Gewinn von der Einkommensteuer fortgenommen ist oder sie gegen Armut versichert sind, erscheint erneut ihre natürliche Trägheit an der Oberfläche.“ Dabei merkt Nicolson gar nicht, wie vulgär gerade diese Feststellung wirken muß.