Ansbach

Die weiße Maus ist los. Chirurgen, Tierärzte, Redakteure, Quizmaster und Kinder-Psychologen waren verblüfft. Vor die Frage gestellt, ob sie es für möglich halten, daß ein 15jähriger Realschüler seiner Maus „Alexander“ ein fremdes Mäuseherz verpflanzt hat, wurden sie im Urteil schwankend. Sollte es ihm wirklich geglückt sein, dann ist er ein Fall für „Jugend forscht“, gar ein Wunderknabe. Vielleicht aber auch ein Witzbold, ein geltungssüchtiges Bürschchen. Manches spricht dafür, manches dagegen. Ein Tierarzt fand das ganze „absurd“, dem Hamburger „stern“ schwante, unter allem Vorbehalt, ein Mini-Barnard-Sensatiönchen.

Es fing ganz harmlos an. Am ersten Schultag nach den großen Ferien sagte der Ansbacher Schüler Franz Ziegler seinem Biologielehrer Herbert Riesch, Konrektor an der Heilbronner Realschule, schlicht und einfach, er habe an einer Maus eine Herztransplantation vorgenommen. Lehrer Riesch zweifelte nicht daran, denn Schüler Franz, der ihm schon vor längerer Zeit mit detaillierten Fragen über den Blutkreislauf des Regenwurms aufgefallen war, hatte ihn in letzter Zeit wiederholt um Fachliteratur über Transplantationen gebeten.

Vergangene Woche machte Franz Ziegler Schlagzeilen. Sachlich präsentierte er die Maus mit den noch zu erkennenden Operationsnarben, das Operationsbesteck, die nach seinen Anweisungen von einem Freund gebastelte Herz-Lungen-Maschine, die Lupenbrille und die Photos, die er während des Eingriffs gemacht hat. Sie zeigen ein offenes Mausebäuchlein auf einen Din-A4-Operationstisch. Einwandfreier Beweis. Meinte Schüler Franz: „Ich habe das Tier örtlich betäubt und es an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Ich hatte gelesen, das Kreislauf und Organe bei einer Maus sehr einfach gelagert sind. Da habe ich es gemacht.“

Während Bub Franz nebst Vater samt seinen Photos bei der Illustrierten in Hamburg unter Verschluß saß, dort durch seine sensible und verschlossene Art die Interviewer in ihrer Beurteilung schwankend machte und im Kreuzverhör mit seinen überdurchschnittlichen Biologiekenntnissen und Operationsschilderungen Fachleute in Erstaunen versetzte, gab im heimatlichen Ansbach die Mutter Susanne Ziegler Details über die aufregenden Operationsstunden der „Bild“-Zeitung preis: Nachmittags um drei habe sich Franz in sein Zimmer eingeschlossen. „Nach einer Stunde habe ich an die Tür geklopft und gefragt: ‚wie sieht es denn aus?‘ Da hat er nur durch sein Mundtuch geflüstert: ‚bitte, störe nicht!‘ Beim zweitenmal rief er mir zu: ‚das Herz liegt frei‘. Nach zweieinhalb Stunden rief er endlich: ,geschafft!‘ ich durfte ins Zimmer. Auf den weißen Leinentüchern lag die Maus. Stolz lächelte er mich an: ‚Sie lebt. Ich bin glücklich. Daß es gleich klappen würde, hätte ich selber nicht geglaubt.‘“

Indes war Vater Ziegler auch nicht untätig. Ihm ging es darum, Alexander nun zu vergolden. Das Heimatblatt „Fränkische Landeszeitung“ ließ er gleich abblitzen: „Mein Junge ist weg, die Geschichte auch!“ Er verhandelte mit größeren Objekten. 50 000 Mark zum ersten ... als Schadensregulierer bei einer Versicherung kennt er einschlägige Usancen. Noch am Montag dieser Woche sammelte er Angebote und war sich nicht schlüssig, wem er die Maus-Story seines Sohnes exklusiv und mit Bildern zusprechen würde.

Von der bohrenden Ungewißheit war inzwischen freilich nichts gewichen: Hat Franz vielleicht der Maus nur den Bauch aufgeschlitzt und das kaum erbsengroße Herz unberührt gelassen? Nur wenn Alexander vor lauter Aufregung stirbt und innerhalb von drei Stunden seziert wird, ließe sich einwandfrei feststellen, ob Franz tatsächlich das Herz verpflanzt hat. Zum Töten verweigerten Vater und Sohn ihre Zustimmung, noch erklärte sich Sohn Franz bisher bereit, vor einem Professoren-Kollegium der Tierärztlichen Hochschule Hannover eine zweite Herzverpflanzung vorzunehmen. „Wann operiert wird, bestimme ich“, so der 15jährige Operateur.