Von Günter Busch

Das Buch kostet vierhundert Mark. Nicht allein in dieser Hinsicht bezeichnet es einen Gipfel innerhalb der modernen Buchmacherei. Denn es handelt sich dabei keineswegs, wie der Preis vermuten ließe, um ein schmückendes Erzeugnis zweckfreier Bibliophilie: Es ist ein reines Sachbuch, wie ein nicht sonderlich wohlklingendes Wort dergleichen heute benennt. Und daß Kunstbücher immer auch Sachbücher seien, ist, obwohl dies immer wieder behauptet wird, ein Irrtrum. Nicht ganz selten zeichnen sie sich nach Inhalt, Aufmachung oder auch nach der Qualität ihrer schönsten bunten Reproduktionen durch einfach umwerfende Ursächlichkeit aus – Beispiele liefert jede Buchmesse die Fülle.

Dieses Kunstbuch ist deshalb ein Sachbuch geworden, weil die drei Autoren, die es in die Welt gesetzt haben, selbst Sachkenner sind, Leute, die mit ihrer Materie jeden Tag praktisch und nicht nur theoretisch zu tun haben. Da ist zuerst der Hauptverantwortliche, der Verleger und Kunsthändler Friedrich Welz aus Salzburg. Sein im jahrelangen Umgang mit Originalen erworbennes Fingerspitzengefühl hat das Erscheinungsbild, des Buches sehr wesentlich bestimmt, so daß er nicht als ein bloßer „verlegerischer Betreuer“, sondern als ein aktiver Mitautor zu gelten hat.

Der junge, am Budapester Museum ausgebildete und nach einer Wiener Zwischenstation heute als Forscher in Zürich wirkende Johannes Dobai vereinigt Kunsturteil und philologische Akribie auf vollkommene Weise: Seine ausführliche Klimt-Biographie, die Bibliographie mit knapper treffender Charakterisierung der jeweiligen Publikation und die Register bieten ein im deutschen Sprachgebiet leider immer noch seltenes Beispiel dafür, daß ein wissenschaftliches Buch durch einen einwandfreien Apparat erst richtig zu einem Zeugnis menschlicher Bemühung wird. Sein Katalog der Gemälde enthält alles Wissenswerte zur Sache Klimt. Wie schön wäre es, wenn Kataloge immer so wären: zuverlässig und doch nicht nur hypertrophierte Strickstrümpfe leerer Philologie um ihrer selbst willen. Fritz Novotny endlich, doch nicht zuletzt, Universitätsprofessor und Museumsmann in einem, hat in manchen Publikationen und in seiner österreichischen Galerie im Wiener Belvedere für jedermann die seltene Tatsache dargetan, daß einer Kunsthistoriker sein und dennoch Auge besitzen kann. Sein Text gehört zum Richtigsten, was in den letzten Jahren über ein Thema der neueren Kunst geschrieben wurde.

Doch ist auch ein Wort über die Gestalt des Buches zu sagen, das der Verlag zu Recht mit folgender Ausführlichkeit anzeigt –

Fritz Novotny/Johannes Dobai: „Gustav Klimt“ – Das große Standardwerk über den Wegbereiter der modernen Malerei in Österreich, den Hauptmeister des Wiener Jugendstils und des Symbolismus, herausgegeben von Friedrich Welz; Verlag Galerie Welz, Salzburg; 420 S., davon 160 S. Bildtafeln in vielfarbigem Lichtdruck, 400,– DM.

Klimt ist ein Meister der Nuance. Schöner und seinem Thema angemessener kann kein Kunstbuch ausgestattet sein. Ich habe zufällig erleben dürfen, mit welcher ungewöhnlichen Sorgfalt die nuancierten Farblichtdrucktafeln – also ganz ohne Speckglanz! – korrigiert und wieder korrigiert worden sind. Besser können es Conzett und Huber in Zürich auch nicht. Alle Bilder des Werkverzeichnisses sind überdies in Klein-, nicht Kleinstbildern sehr gut an Ort und Stelle wiedergegeben. Einige wenige Vorlagen waren nicht erreichbar. Wichtig aber ist, daß auch die 16 im Jahre 1945 im Schloß Immendorf durch den Krieg zerstörten, hochbedeutenden Werke fast alle auf großen Tafeln reproduziert werden konnten und so die Erinnerung an einen der schmerzlichsten Verluste im Bereich der modernen österreichischen und europäischen Kunst bewahren – die Universitäts-Decken-Bilder waren dabei! Die Auswahl der Handzeichnungen endlich ist vorzüglich.