Von Hans Schwab-Felisch

Propst Heinrich Grüber: „Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten“; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 249 S., 20,– DM.

Die amerikanische Wochenzeitung „Time“ hat ihn einmal „den Mann in der Mitte“ genannt. Propst Grüber, der den betreffenden, 1954 erschienenen Artikel über ihn in seinen Lebenserinnerungen erwähnt, knüpft an diese Charakteristik keinen Kommentar. Aber er läßt erkennen, daß er sie billigt, mehr noch: daß er in ihr einen Ehrentitel erblickt.

Wer eine Position „in der Mitte“ bezieht, sieht sich, besonders hierzulande und in diesen Zeitläuften, nur allzu leicht Mißverständnissen ausgesetzt. Sie blieben auch Heinrich Grüber nicht erspart, dessen Name untrennbar mit dem verbunden ist, was man „das andere Deutschland“ nennt. Die Entschiedenheit aber, mit der er diese Position stets eingenommen und verteidigt hat, der Mut, mit dem er sie als Mittlerstellung zwischen feindseligen Lagern begriff, hat ihm auch bei seinen Gegnern Hochachtung eingebracht. Wo es allerdings nichts mehr zu vermitteln gab – zwischen den „Endlosem“ und den Juden –, da hat er, im Geiste eines tätigen Christentums, seinem „Nächsten“ nach Kräften geholfen.

Heinrich Grüber legt Rechenschaft ab am Ende seiner siebziger Jahre. Sein Bericht ist zu einem document humain geworden, in dem sich, auf ebenso beunruhigende wie ergreifende Weise, die tödlichen und noch immer gefährlichen Antagonismen unseres Jahrhunderts widerspiegeln. Mancher Leser wird gerade von diesem Buch mehr zeitgeschichtliches Quellenmaterial erwarten, als es enthält. Doch sind Grüber alle Unterlagen bis 1954 entweder durch die Gestapo entwendet oder bei der Zerstörung seines Hauses im Kriege vernichtet worden. Und „nach 1945 blieb keine Zeit, Tagebuch zu führen“. Es wäre freilich Aufgabe des Verlags gewesen, dem Buch einen Anhang mit Dokumenten anzufügen. Sie könnten vor allem die Auseinandersetzungen der Evangelischen Kirche in Deutschland mit den Autoritäten Ostberlins belegen, von denen Grüber im zweiten Teil zu berichten hat.

Wer nach den Antrieben fragt, die den späteren Weg dieses ungewöhnlichen Mannes bestimmt haben, findet Antworten in Herkunft und Jugenderlebnissen. Grüber ist im Dreiländereck bei Aachen aufgewachsen, wo der Begriff „Grenze“ weniger Trennung als Nachbarschaft ausdrückt. Sein Elternhaus lag zwischen drei Kirchen, der katholischen, der evangelischen und der ehemals lutherischen. Seine Mutter stammte aus einer calvinistischen Familie, sein Vater, ein Lehrer, aus einer protestantischen. Das starke Interesse für soziale Fragen wurde durch die Umgebung und durch eine Begegnung mit Carl Sonnenschein geweckt, der die Kluft zwischen dem „Arbeiter der Faust“ und dem „Arbeiter, der Stirn“ überwinden wollte. Spätere Einflüsse kamen von Harnack, Deissmanns Kollegs über die Synoptiker und Friedrich Naumann. So entwickelte sich Grüber zu einem Manne, dessen konservative Grundstruktur ihn in der Weimarer Republik an die Seite der „Nationalen“ trieb, dessen Christentum ihn aber nicht minder nach einer Lösung der sozialen Frage suchen ließ. Nur so sind seine Bemerkungen über die erste deutsche Republik zu verstehen, die „1933 längst überfällig“ gewesen sei.

Indessen hat er, der noch in den Krisenjahren maßgeblich an der Organisation des „Freiwilligen Arbeitsdienstes“ beteiligt gewesen war – die Lager wurden bald von den Nationalsozialisten übernommen –, schneller als die meisten seiner Amtsbrüder erkannt, wohin die Reise Hitlers gehen würde. Vor allem hat er die Konsequenzen daraus gezogen und bald innerhalb der „Bekennenden Kirche“ eine bedeutende Rolle gespielt.