Die verbrauchten Klischees vom langweiligen Butzenscheibendeutschland sind wieder einmal vollzählig vorhanden. Daran haben die neuen Männer in den Spitzenpositionen der deutschen Fremdenverkehrswerbung trotz ihres dynamischen Vorhabens noch nichts ändern können. Die neue Werbebroschüre in Silberglanz mit dem Titel „Bundesrepublik Deutschland, Reiseland zwischen München und Kiel, den Städten der Olympischen Spiele 1972“ hätschelt einmal mehr die allzu lieb gewordenen Gewohnheitsvorstellungen in postkartenbunten und postkartenöden Offsetbildchen. Was einem so auf Anhieb einfällt: natürlich die Schlösser Neuschwanstein, Nymphenburg und Heidelberg, natürlich ein Stück namenlose Weinbergsidylle (irgendwo am Rhein), Fachwerkhausidylle (irgendwo im Bergischen Land), eine Reethausidylle (irgendwo in Schleswig-Holstein), eine Märchentalidylle (irgendwo im Schwarzwald) und, versteht sich, ein Stück herbstliche Waldidylle (irgenwo im Spessart). Deutschland ist, so scheint’s, ein Land austauschbarer Motive, überall typisch und überall wunderschön. Und sonst? Von Bonn die Villa Hammerschmidt, von Köln den Dom, von Hamburg die Alster, von Bremen das Rathaus und den Roland, von Berlin die Gedächtniskirche, von München das Hofbräuhaus und, bitte sehr, die Stadtsilhouette mit der Frauenkirche. Und sonst? Die Montagehalle eines Automobilwerks in Ingolstadt (ausgerechnet) repräsentiert offenbar die modernen Zeiten, eine Autobahnbrücke (mit dem unsäglich törichten Bildtext „Autobahnen sind die wichtigsten Fernverkehrsstraßen“) den Fortschritt, ein Segelboot auf blauem Wasser gewiß den Sportgeist und natürlich die Kieler Woche, Und sonst nichts. Über 50 konventionell photographierte Farbbildchen, kaum Menschen, zum Gähnen: Deutschland, ein Kindermärchen. Die Broschüre im unhandlichen, fast quadratischen Format (28 mal 29,5 Zentimeter) soll bei Eröffnung der Olympiade in Mexiko den Ehrengästen und 3000 Journalisten aus aller Welt in einem Lederkoffer überreicht werden. Den Text schrieb Horst Krüger. Wolfgang Boller