/ Von Joachim Schwelien

Wenn in einer Nation die Unrast, soziale Mißstände, der Hang zur Gewalttätigkeit und die Feindschaft zwischen den Rassen überhandnehmen, so wie gegenwärtig in Amerika, und wenn sich dazu noch alle diese Explosivstoffe im Bereich der großen Städte anhäufen, ist die Möglichkeit des Umschlagens in eine revolutionäre Situation gegeben. Sie könnte besonders dann heraufziehen, wenn die große Schicht der minderbemittelten weißen Bevölkerung, die das Gros der Armuts-Gruppe darstellt, sich mit den unterprivilegierten Farbigen und anderen rassischen Minderheiten solidarisierte und daraus eine koordinierte Bewegung entstünde, die mit ihrer sozialen Komposition, ihren Forderungen und ihren Klagen immerhin rund 50 der 200 Millionen Amerikaner ansprechen könnte.

Jedoch sprechen drei zwingende Gründe gegen das Entstehen einer revolutionären Lage in Amerika und noch mehr überzeugende Voraussetzungen für eine evolutionäre Lösung der in der Gegenwart so schroff hervortretenden inneren Probleme dieses Landes.

Vor allem anderen entspricht es dem Verhalten und der Gepflogenheit Amerikas, mit seinen Schwierigkeiten ohne Umsturz fertig zu werden, da der Prozeß der demokratischen Willensbildung trotz der zweifellos vorhandenen Schwächen und Mängel die legale Form der Regeneration, des Umbruches und der gesellschaftlichen Strukturveränderung zu allen Zeiten offengelassen hat. Die Geschichte der USA ist, anders als der meisten Kulturnationen, in hohem Grad die einer permanenten Umwälzung, die bedingt wurde durch die schnelle Erschließung, die massive Besiedlung in Wellen der Einwanderung, die rapide Industrialisierung und die sich gegenwärtig vollziehende ebenso beschleunigte Technisierung und Verstädterung.

Daher bilden die drei Elemente, die es gegen das Zusammenbrauen einer revolutionären Situation immunisieren, eine feste und zugleich elastische Substanz:

Der Auftand gegen die englische Krone und die schließliche Sezession der amerikanischen Kolonien, das Abschütteln der Tyrannei Georgs III. waren in der Tat ein „revolutionärer Akt“, jedoch einer der „nationalen Befreiung“ und nicht der soziale Aufstand gegen die Bedrückung durch eine Oberschicht. Die amerikanische Revolution wurde von Landeigentümern, Kaufleuten und ihren Anwälten getragen; sie rebellierten, weil sie nicht bereit waren, Steuern zu zahlen, ohne im britischen Parlament vertreten zu sein, und weil sie die britische Zoll- und Handelspolitik ablehnten, die nicht auf den Nutzen für die amerikanische Kolonie ausgerichtet war, sondern auf ihre Ausbeutung.

Die amerikanische Revolution ist daher in Wirklichkeit der bedeutendste antikolonialistische Befreiungskrieg, der sich in der neueren Geschichte je zwischen zwei weißen Völkern abgespielt hat, aber kein sozialrevolutionäres Ergebnis des inneren Umsturzes wie die Französische Revolution, welche die Herrschaft der absoluten Monarchie und des Adels stürzte und das Bürgertum als neue Herrschaftsschicht etablierte. Die egalitären Grundsätze der amerikanischen Verfassung hatten von der Geburt des neuen Staatswesens an stets eine relative Gültigkeit, ausgenommen die Sklavenhaltern, die noch über hundert Jahre ein anachronistisches Relikt blieb. Der Amerikaner ist somit von seinem geschichtlichen Ursprung her unrevolutionär; zugespitzt läßt sich auch sagen, in den USA formiere sich die Konterrevolution stets so frühzeitig, daß auch nur das Entstehen einer Sozialrevolutionären Bewegung verhindert wird.