Von Marianne Kesting

Zwei scheinbar völlig gegensätzliche Darstellungen eines Großstadtlebens kamen jüngst aus Frankreich zu uns herüber. Die eine, Raymond Queneaus „Sonntag des Lebens“, persiflierte eine verträumte ereignislose Kleinbürgeridylle in einem windstillen Paris. Die andere –

Jean-Marie Gustave Le Clézio: „Die Sintflut“ (Originaltitel: „Le Deluge“), aus dem Französischen von Rolf und Hedda Soellner; R.Piper & Co. Verlag, München; 328 S., 24,– DM

– schildert die moderne Großstadt als Zentrum einer infernalischen Zerstörung, die sich mit Hilfe der technischen Zivilisation endlos und unabsehbar über die ganze Erde ausbreitet. Was sich bei Queneau als ein „Sonntag des Lebens“ darstellt, als ein schattenloses Glück im Winkel, wird in der Sicht von Le Clézios Roman ein danteskes Schattenreich. Beide Perspektiven, wie widersprüchlich sie sich auch ausnehmen, sind Interpretationen der gleichen Sache, die eine von Seiten der Literatur, die andere von Seiten des mit sich und seiner Umwelt durchaus zufriedenen Kleinbürgers, wie ihn Samuel Beckett in Happy Days“ an Hand seiner Winnie karikiert, die bis zum Halse im Sand steckt und unvermindert fröhlich, zufrieden und zuversichtlich in ihrem Sack kramt, ohne Blick darauf, daß um sie „die Wüste wächst“.

Während bei Beckett die Szenerie eine nach der Sintflut zu sein scheint, auf der die wenigen Überlebenden noch versuchen, eine kleine Weile ihr Endspiel weiterzuspielen, konzentriert sich Le Clézio auf die Sintflut selber. Er befindet sich in der Mitte der Zerstörung, selber eine starre und unbewegliche Gestalt: „Ich, François Besson, sehe den Tod überall.“ Besson ist ein Seher, aber nicht wie Rimbaud ein voyant, sondern ein voyeur, der in das Geschehen auf schreckliche Weise einbezogen ist und es tatenlos beobachtet, von einer Art Lähmung befallen. Was er sieht, geht als eine sich überstürzende Satzkaskade, als eine unaufhörliche Flucht von Visionen, die sich aus den Relikten unserer Umwelt speisen, dem eigentlichen Roman vorauf. Der Roman selber rückt aus dem Imaginären in die Nahperspektive des Großstadtalltags, freilich eines sehr ungewöhnlichen Alltags, der im Grunde die realen Auswirkungen jener Sintflut zeigt, welche der visionäre Auftakt des Buches beschwor. Auch diesen Alltag regiert, in endloser Spiegelung, der Tod.

In seinem Zimmer dahindämmernd, hört der Student François Besson auf einem Tonbandgerät den Monolog eines Mädchens an. Sie spricht von der zunehmenden Leere und Gleichgültigkeit, die sie überfallen hat, bis sie schließlich, gegen Ende des Buches, den Schritt in die Leere tut und nur noch das Protokoll ihres Selbstmordes spricht. Besson selber überantwortet sich einem Akt der langsamen Loslösung, der schrittweisen Entfernung aus einer Welt, die ihm Entsetzen einflößt. In einer Passion von dreizehn Tagen und dreizehn Stationen schwankt er zwischen wütender Auflehnung und Selbstvernichtung. Besson verweigert sich der Arbeit, er streunt umher; er verweigert sich jeder menschlichen Bindung, jedem Kontakt, er trennt sich von seinen Eltern, von seiner Geliebten, er verbrennt seine Bücher, er wird Bettler, ermordet aus Angst im Dunkeln einen Clochard und fährt schließlich mit dem letzten Geld aus der Stadt in die Einsamkeit einer sonnendurchglühten Landschaft, ein säkularisierter Mönch, ein Mystiker ohne Gott, der einer Hölle zu entfliehen sucht, deren innerster Bestandteil er selber ist. In der Einsamkeit vollzieht Besson eine unio mystica, er setzt seine Augen der Blendung durch die gnadenlose Sonne aus, in der weißglühenden menschenleeren Landschaft vermählt er sich mit der zerstörerischen Gewalt des Elements und erlebt einen Augenblick beinahe des Glücks, um dann einem Leben in endloser Nacht entgegenzugehen.

Die Untergangsvisionen in Le Clézios „Sintflut“ haben Tradition in der modernen Literatur seit Rimbauds „Après le deluge“, seit Baudelaires Passagen in den „Fusées“, die das Bild eines endlosen Unterganges einer Welt beschwören, die sich zerstört und doch sinnlos weiterexistiert, die der raison d’être entbehrt und doch nicht sterben kann. Becketts gesamte Dichtung ist von dieser Vorstellung durchzogen. „Schrecklicher, unerträglicher jedoch war noch“, schreibt Le Clézio, „daß diese Zerstörung nie vollendet wurde; sie vollzog sich immer wieder überall, ohne den Widerstand der Materie erschöpfen zu können. Die Häuser waren nichts mehr, und trotzdem waren sie noch.“