Von François Bondy

In einem Aufsatz über die Mai-Revolution habe ich gelesen, Sie seien der wahre Prophet der „Jugendrevolte“ von Ost und West. Und tatsächlich, vom ersten Roman „Ferdydurke“ bis zum neuen, noch nicht aufgeführten Stück „Operette“ geht es immer um die – oft unbeabsichtigte und desto schärfere – Herausforderung eines jungen Menschen an alle anerkannten und bestehenden Formen der Kultur und der Herrschaft. Zuerst hatten die Kritiker Sie als einen Existentialisten bezeichnet – ist doch „Ferdydurke“ im gleichen Jahr wie Sartres „Ekel“ entstanden. Sie selber haben in einem imaginären Interview, in dem Sie dem vorgegebenen Gesprächspartner nur Raum für „Oh!“ und „Ah!“ lassen, erklärt, der Strukturalismus sei seit jeher Ihr zentrales Problem gewesen. Existentialismus, Strukturalismus, Jugendaufstand – sind Sie etwa ein universaler Vorläufer?

WITOLD GOMBROWICZ: Ja, ichbin überzeugt, daß meine Bücher eine prophetische Eigenschaft haben – seit einigen Jahren werden sie auch in diesem Sinne zur Kenntnis genommen. Mein Lieber, wenn Sie dieses Gespräch wiedergeben, unterlassen Sie nicht, den Eindruck von Größe spüren zu lassen, der mich jetzt umgibt. Stellen Sie sich vor, Sie besuchten Friedrich Nietzsche im Engadin.

Nur jene Leser, die Ihre Bücher kennen, werden den Humor dieser Regieanweisung verstehen. Wie ist es also mit der Jugend, mit der Mai-Revolution zum Beispiel?

GOMBROWICZ: Die Jugend ist blind, spontan, wild und dem reifen Alter in allem unterlegen. Sie ist dümmer, schwächer, indolenter als die Erwachsenen, und nur in einem einzigen Punkt überlegen: daß sie jung ist, denn das ist eine Welt für sich. Die Jugend will aber nicht dauern, sie will ihre Unreife loswerden, durch die sie jedoch gerade die Welt der „Reifen“ fasziniert. In meinem Roman „Verführung“ (in allen andern Sprachen heißt er „Pornographie“) sind es zwei ältere Voyeurs, die junge Menschen in Bewegung setzen, durch sie etwas erleben wollen, aber durch ihre Faszination sind sie selber das Mindere, Inferiore. Politisch und ideologisch interessiert mich die Bewegung der Jugend überhaupt nicht. Ihre neuen Ideologien sind selber von alten Leuten vorgeformt und von schlechter Qualität, Scheinweisheiten, hohle Worte. Ich sehe in der „Krise der Jugend“ eine Krise der Erwachsenen. Vor der Jugend sind die Erwachsenen feige, unterwürfig, ohne Energie, ohne abgewogenes Urteil. Die Intellektuellen, auch Sartre, sind darin lächerlich. Die Bewegung erhält viele zu tiefschürfende Deutungen.

Man hat von mir Meinungen erbeten, als sei ich ein zweiter Marcuse. Meine Antwort ist: Ich kümmere mich nicht um solche Dummheiten. Die Erwachsenen gehen durch Phasen der Unsicherheit an ihren eigenen Worten. Der „Reife“ spürt, daß sein Stil veraltet ist, jeder spürt es. Vor der Jugend entwaffnet, suchen die Intellektuellen hier nach tiefen Problemen und philosophieren darüber. Eben deswegen aber hat die Krise diese Gestalt angenommen, durch das Geschwätz der „Erwachsenen“, die über das Thema der Jugend brillieren. Die Jugend ist ein Aufstand gegen das Vorgeformte – und schon hat man neue schlechte Formen für sie bereit. In der Begegnung der Generationen überwiegt jetzt eine dumme Rhetorik, eine Art künstliche Revolution, die auf lange Zeit diese entscheidende Beziehung verfälschen kann.

Aber der Erwachsene kann für Sie nicht umhin, von der „Inferiorität“ der Jugend fasziniert zu sein. Sie nennen das seine „Immaturisation“ (Verunreifung). Und Ihr erster Novellenband hieß: „Erzählungen der Unreife.“