Islamabad, Mitte September

Die Fahrrad-Rikscha, die mich vom Hotel in die Innenstadt Karachis beförderte, zeigte auf ihrer Rückseite ein knallbuntes Bild: ein pakistanischer Düsenjäger saß einem bereits brennenden indischen Jagdflugzeug im Nacken. Und diese Rikscha war keineswegs die einzige in vielen pakistanischen Städten, die so martialisch verziert war. Andere waren mit brennenden Panzern geschmückt oder zeigten einen vom Bajonett durchbohrten Soldaten, einen indischen natürlich, denn Indien ist der Todfeind des zwanzig Jahre alten Staates Pakistan.

Es kann einem Gast passieren, daß der Hotelboy oder der Gepäckträger einen mit unfreundlichem Blick betrachtet, wenn der Koffer eine Hotelplakette aus einer indischen Stadt zeigt. Bei vielen Behörden, Ämtern und Organisationen, die ich auf meiner Reise durch Ost- und Westpakistan besuchte, mußte ich die Frage beantworten, ob ich schon in Indien gewesen sei oder möglicherweise gerade aus Indien komme. Es waren gar nicht so wenige, die ihre Befriedigung nicht unterdrücken konnten, wenn ich diese Fragen verneinte.

Im Frühjahr waren die pakistanischen Zeitungen tagelang voll von Berichten über die Entscheidung eines internationalen Gerichtes, die Indien zwang, etwa ein Zehntel eines Gebietes im Südosten von Westpakistan herauszurücken, auf das Pakistan einen Anspruch erhob. Dieses Gebiet, der Rhun of Kuch, ist eine trostlose Wasserwüste, die die Hälfte des Jahres überflutet ist und nur von wenigen Fischern bewohnt wird. Die Gewinnung eines ohnehin dieses Gebietes, dessen Erschließung die ohnehin angespannten Staatsfinanzen belasten muß, löste geradezu eine Euphorie des Triumphes in der eintönigen pakistanischen Presse aus.

Bei dieser künstlich am Leben erhaltenen Spannung zwischen den früher zusammengehörenden Teilen des indischen Subkontinents – die beiden Landesteile Pakistans wurden 1947 als vorwiegend von Moslems bewohnte Gebiete von dem durch die Hindus beherrschten Indien abgetrennt – nimmt es kein Wunder, daß der Verteidigungsetat im Haushalt des gewiß nicht mit Reichtümern gesegneten Landes eine dominierende Rolle spielt.

Wie alle militärischen Dinge ist offensichtlich auch der Militärhaushalt ein großes Geheimnis. Offiziell werden 2,18 Milliarden Rupies von insgesamt 6,37 Milliarden Staatseinnahmen für die Verteidigung ausgegeben, aber ausländische Beobachter schätzen, daß direkt und indirekt etwa die Hälfte des Haushaltes in die Armee und die Landesverteidigung fließen. Dabei werden in den Gesamthaushalt auch die ausländischen Entwicklungskredite mit einbezogen.

Die Geheimniskrämerei nimmt zuweilen groteske Formen an. Als ich die älteste Eisenbahnbücke photographieren wollte, die die Engländer schon im vorigen Jahrhundert über einen Arm des Indus geschlagen haben, bauten sich gleich vier bis an die Zähne bewaffnete Soldaten mit grimmigen Gesichtern um mich auf, die versuchten, mir die Kamera zu entreißen. Nur mit Mühe konnte ein pakistanischer Begleiter die drohende Verhaftung wegen Spionage abwenden. Wenige Kilometer flußabwärts schwingt sich eine moderne breite Straßenbrücke über den gleichen Fluß, aber weit und breit kein Soldat, kein Einspruch gegen einen Schnappschuß.