Von Peter Dehn

Das Phänomen „Power“ fasziniert die amerikanischen Politologen und Politiker gleichermaßen. Kaum ein Forschungsobjekt der Sozialwissenschaften ist Gegenstand so vieler und so divergierender Theorien, und selten schreibt ein amerikanischer Politiker ein Buch, das sich nicht mit dem Problem der Macht auseinandersetzt. Diese Feststellung gilt auch und gerade für die außenpolitischen Beziehungen. Seit Beginn des amerikanischen Wahlkampfes Ende letzten Jahres hat die Anzahl der Stellungnahmen von Politikern zu diesem Thema sprunghaft zugenommen.

Der bis dahin relativ unbekannte demokratische Senator Eugene McCarthy erklärte im letzten Jahr seine Kandidatur für die Präsidentschaftsnominierung, um damit gegen die Vietnampolitik Johnsons zu protestieren. Er wollte nicht unbedingt Präsident werden, doch hoffte er, die „Herausforderung“ seiner Kandidatur „könne das Gefühl politischer Hilflosigkeit verringern und vielen Völkern das Vertrauen zur amerikanischen Politik und zur amerikanischen Regierung wiedergeben“. Seinen Wählern präsentierte er nicht ein politisches Programm, sondern eine moralische Verurteilung des Vietnamkrieges.

Erst im Verlauf des Wahlkampfes, als er – selbst wohl am meisten überrascht – zu einem ernst zu nehmenden Gegner im Kampf um die Nominierung wurde, sah er die Notwendigkeit, sich über Vietnam hinaus zu den Wahlkampfthemen zu äußern. Aus dem moralischen Protest wurde die Formulierung einer neuen Politik. Sein Buch, dessen amerikanische Originalausgabe bereits 1967 erschien, spiegelt diese Wandlung noch nicht wider:

Eugene McCarthy: „Macht hat Grenzen“, aus dem Amerikanischen von Ursula von Zedlitz. Econ-Verlag, Düsseldorf; 220 Seiten, 22,– DM.

Dieses Buch ist also mehr eine moralische Auseinandersetzung mit der Vietnampolitik der Regierung als die Formulierung einer sinnvollen Alternative. Der Leser wird vergeblich den Vietnam-Plan McCarthys suchen: Die Vorschläge des Senators auf dem Parteitag der Demokratischen Partei in Chikago fehlen in diesem Buch noch. Dieses Manko kann nicht mit dem Hinweis entschuldigt werden, daß auch die Originalausgabe an dieser Stelle überholt ist, denn die deutsche Übersetzung erscheint Wochen nach der entscheidenden Niederlage McCarthys gegen Hubert H. Humphrey.

McCarthy kann nicht zu den Isolationisten gezählt werden, die sich aus Asien und Europa zurückziehen wollen, die zwischen sich und der Welt eine hohe Mauer bauen möchten, um in ihrem Schutz ungestört den „american way of Life“ leben zu können. Aber er ist auch kein Vertreter jenes Messianismus, der alle Nationen mit den Errungenschaften amerikanischer Demokratie beglücken will. In seiner Sicht war die amerikanische Außenpolitik bis zur Regierung Eisenhower „relativ klar, direkt und in sich begrenzt“. Darum billigt er die umfassenden Bündnisverpflichtungen seines Landes nach dem Zweiten Weltkrieg, da sie „Zeichen dafür waren, daß ... (die Vereinigten Staaten) eine neue und kontinuierliche Verantwortung für den Rest der Welt übernommen“ hatten. Erst der Ausbruch aus diesem weiten Rahmen internationaler Verpflichtungen stößt auf seine Kritik.