Von K. H. Kramberg

Seit es ihn gibt, gilt Gerhard Zwerenz als Wildfang. Ein zorniger Rasenzertrampler, ein eifernder Muckauf, der das Odium, ein kleiner patriotischer Stänker zu sein, sicher lieber in Kauf nehmen würde, als sich zur wohlformierten Internationale der Tugendhaften zählen zu lassen. So ungefähr sieht unter deutschen Brüdern ein Charakterkopf aus.

Trotzdem kam dem kritischen Amateur schon nach der Lektüre des Zwerenzschen Casanova-Romans der Gedanke, daß dieser Autor seinen Lesern und sich etwas vormacht, daß er ein heimlicher Mime, ein in den Büchersälen tumultuierender Schauspieler sei. Wie würde Zwerenz schreiben, wenn er schriebe wie Zwerenz? Das stilistische Potpourri, als welches sein „Casanova“ sich darbot, ließ diese Frage offen.

Jetzt aber wird sie dringend. Denn der Titel dieses neuen Buches –

Gerhard Zwerenz: „Erbarmen mit den Männern“, Roman vom Aschermittwochsfest und den sieben Sinnlichkeiten; Scherz Verlag, München; 304 S., 22,– DM

– gibt zu verstehen, daß der Verfasser es als ein Programmstück betrachtet, als eine Replik zu seinem Casanova, will sagen, als gezielte Operation und artistische Maßarbeit. „Erbarmen mit den Männern“ müßte erhellen, was ein Romancier, der sich durch die Titelwahl gar mit einem Montherlant mißt, in kritischer Selbstregie kann und ob er – Charakter und Talent sind in den Künsten identisch – auch den Mut hat, Welt zu realisieren, statt Tonfälle der Sprache und Bilder des sozialen Erfahrungsbereichs zu kopieren.

Die Ausgangsbasis des epischen Manövers liegt fest: Subjekt der Handlung ist hier kein Spiegel-Ich des räsonnierenden Autors, sondern eine konkrete Figur. Die Nymphe Sina Jonas, eine Ninon 68. Und jetzt kommt es darauf an, ob diese zunächst nur pro forma lebenslustige Kreatur sich unabhängig vom Wechsel der Betten und grammatikalischen Situationen als eine Kunstgestalt von Sinnlichkeit und Charakter durchsetzen wird.