Der Argwohn nicht nur gegen bestimmte Formen von Literatur, sondern gegen die Literatur an sich ist groß – besonders unter den Literaten. Wäre dem nicht so, wäre er nicht den zunehmenden Selbstzweifeln dermaßen entgegengekommen, Adornos Satz, nach Auschwitz sei das Verfassen von Lyrik barbarisch, wäre nicht zu dem Schlüsselsatz geworden, der er geworden ist. Und Sartres Äußerung, auch sein „Ekel“ wiege nichts angesichts eines verhungernden Kindes, wäre den Literaten nicht dermaßen unter die Haut gefahren.

Es ist die Depression, die sich aus dem Gefühl der Unzuständigkeit und Hilflosigkeit gegenüber dem ergibt, was die „Wirklichkeit“ heißt, und sie geht weit über die alte Unzufriedenheit darüber hinaus, daß die „Macht“, nicht auf den „Geist“ höre; eine simplizianische, obsolete Gegenüberstellung. Denn diese „Wirklichkeit“ wird als etwas Undurchdringliches erfahren; wer aber ein Programm der Auflehnung gegen sie formuliert, muß feststellen, daß die bekämpfte Ordnung ihn willig vereinnahmt, vielleicht sogar mit Ehren; und ist die Literatur nicht überhaupt eines der untauglichsten Mittel der Erkenntnis und der Beeinflussung?

So kann uns Peter Hamm in seinem gerade erschienenen Buch über die Kritik den Fall jenes konsequenten Peter S. vorhalten, der es aufgegeben hat, Literatur zu machen, Kritik zu machen, Kritik der Kritik zu machen, und der statt dessen Flugblätter für die Westberliner APO verfaßt.

Das beunruhigende Exempel solcher Konsequenz ist kaum zu widerlegen, auch nicht mit dem Hinweis, daß die Literaten ja selber inkonsequent sind. Adorno schreibt Aufsätze, nach Auschwitz; Sartre untersucht Flaubert, trotz Biafra; Peter Hamm stellt ein ganzes Buch über die Kritik zusammen, die doch seiner Arbeitshypothese zufolge kaum ein ungeduldiges Achselzucken verdient; und selbst Peter S. wird in Frankfurt, siehe da, über Literatur diskutieren, eingeladen vom Verband der Schöngeistigen Verleger...

Claude Simon hatte Sartre damals entgegengehalten: seit wann man denn Tote und Bücher auf einer Waage wiege? Aber die Tatsache, daß die Menschen imstande sind, vieles unverbunden nebeneinanderher zu tun, daß die Tagesschau ihnen das Interesse für die Wetterkarte nicht verdirbt, daß keine Schrecknisse (und die wurden nicht erst in Auschwitz erfunden) die Menschen je abgehalten haben, Bücher über sie oder über andere oder über anderes als Schrecknisse zu schreiben, ist noch keine Antwort.

Eine Folge des Minderwertigkeitssyndroms ist alle diese „dokumentarische“ Literatur heutzutage. Tatsachenromane (Capote, Mailer), Dokumentarstücke (Weiss, Kipphardt), Gedichte aus Collagen aus der Tagespresse und die vielen authentischen Protokolle aus dem wirklichen Leben, aus Marokko und Mexiko, China und Boston, Bottrop und Fuhlsbüttel – eine Gattung für sich, die da aufgegangen ist. Sie hat den einen Vorzug, sie ist immer wahr und authentisch, auch wo sie lügt, entstellt, verkitscht, gerade dort. Die Literaten, voller Mißtrauen gegenüber ihren eigenen Erfindungen, sind geradezu geil auf sie: Natürlich wäre ein Martin Walser imstande, viele Arten von Vorleben zu beschreiben – aber lieber ermuntert er eine, die eins hat, das Ihre zu Papier zu bringen. Denn: da spricht das Leben selbst! Schlecht, aber echt – und damit in der Tat jenen Erfindungen überlegen, deren einziger Ehrgeiz die Vermittlung von Informationen ist. Die Literatur jedenfalls hat da abgedankt.

Vielleicht, vielleicht wird sie tatsächlich verschwinden mit dem bürgerlichen Zeitalter? Vielleicht werden Produktionsroboter und Informationsverarbeiter sie als Anachronismus belächeln? Vielleicht werden Wandzeitungen und Flugzettel genügen, wenn revolutionär gestimmte Massen von Tat zu Tat schreiten? Vielleicht kommt die psychedelische Zivilisation: spontan, love, love, love‚ ohne Gedächtnis und illiterat? Vielleicht halten die Literaten ihre paradoxe Situation unbegrenzt weiter aus: zu reden, obwohl es absurd ist, und zwar davon, daß es absurd ist? Vielleicht aber finden sie noch einmal ein neues Selbstvertrauen darin, daß nur durch sie die Epoche zum Bewußtsein ihrer selbst kommen kann, daß sie nach wie vor die Formen und Strukturen des Erlebens bereitstellen? Auch billige Prognosen sind heute nicht mehr zu haben. Dieter E. Zimmer