Von Helmut Salzinger

Gisela Elsner ist müde geworden. Man muß das verstehen. Ihr erstes Buch, „Die Riesenzwerge“, war ein „Beitrag“ (so der Untertitel) zur Phänomenologie des Spießertums. Was sie dazu beizutragen wußte, das war diktiert von unbändigem Haß. Mit einem von kalter Wut geschärften Blick hatte sie ihre Opfer gebannt, hatte sie mitleidlos Menschliches freigelegt, Allzumenschliches bloßgestellt. Ihr Verfahren war vivisektorisch, herzlos, brutal. Manch einer zeigte sich schockiert, Gisela Elsner, diese noch dazu so bemerkenswert gut aussehende Frau, mit einem derart offensichtlichen Vergnügen im Dreck wühlen zu sehen. Aber ihr Buch war gut, da war nichts zu machen.

Auf die Dauer jedoch scheint die Spießigkeit kein allzu beflügelnder Gegenstand zu sein. Die Spießer sterben niemals aus. Sie entwickeln vielmehr, allen bösartigen Satirikern zum Hohn, eine beängstigende Lebenskraft, die sich gewöhnlich der des Satirikers überlegen zeigt. Gisela Elsner hat ihnen mit ihrem ersten Buch angetan, was irgend möglich war. Sie hat sie auf die Metapher gebracht, mit der sie ein für allemal charakterisiert sind: Zwerge an Menschlichkeit, aber riesenhaft in ihrer Zwergigkeit. Mehr läßt sich im Grunde dazu nicht sagen.

Dennoch hat sie es nochmal versucht – Gisela Elsner: „Der Nachwuchs“, Roman; Rowohlt Verlag, Reinbek; 270 S., brosch. 12,80 DM, Ln. 19,80 DM.

Sie hat ihre Methapher umgekehrt. Der Held ihres neuen Romans ist ein Jüngling von monströsen Ausmaßen, was Körpergröße und Körperumfang angeht, ein Riese also, aber mit einem zwergenhaften Gehirn, ein Ausbund von Faulheit, Trägheit und Gefräßigkeit. Seine Verwandtschaft mit den Riesenzwergen ihres ersten Buches kann die Autorin nicht verleugnen, und sie will es wohl auch gar nicht. Wenn sie also vorgehabt haben sollte, mit diesem zweiten Buch ihrem ersten ein Pendant an die Seite zu stellen, den Riesenzwergen einen Zwergriesen beizugesellen, dann bleibt festzuhalten, daß ihr dies nur in einem äußerlichen Sinne gelungen ist.

Die Kunst ihres ersten Buches bestand ja gerade darin, daß die Zwergenhaftigkeit der dort auftretenden Figuren nicht deren Äußeres betraf, sondern sich implizit aus ihrem Verhalten, ihren Anschauungen, ihrer Lebensweise ergab. Indem sie nun hier einen Riesen entwirft, hat sie sich im Wörtlichen festgelegt, ohne daß dieses durch den Kontext bestätigt würde. Als unförmiges Riesenmonstrum angelegt, ist der Autorin während des Schreibens ihr Protagonist wieder auf annähernd normale Maße geschrumpft.

Nach dem ersten Abschnitt darf der Leser erwarten, daß er den jungen Noll, eben jenes Monstrum, im Verlauf dieses Buches niemals in Aktion wird erleben können. Seine Trägheit, sein gewaltiger Körperumfang scheinen ihm jede Tätigkeit zu verbieten, die geringste Bewegung würde ihm eine übermäßige Anstrengung abverlangen. Als er einmal zu einem Spaziergang aufbricht, erregt das „mehr Aufruhr als ein Todesfall in der Familie“. Einen Begleiter bringt er durch seine Langsamkeit zur Verzweiflung; denn, so sagt er selber, „der Unterschied zwischen Stehenbleiben oder Gehen war bei mir nicht allzu augenscheinlich“. Unter diesen Umständen verblüfft es dann aber doch, den jungen Noll schließlich einer geregelten Arbeit nachgehen zu sehen, zumal es auf Grund der ihm zugeschriebenen Fortbewegungsgeschwindigkeit unwahrscheinlich ist, daß er vor Feierabend bei der Arbeitsstätte anlangt.