Von Gottfried Sello

Berlin hat endlich, nach drei Jahrzehnten eines Provisoriums, seine Neue Nationalgalerie, Werner Haftmann ein Haus für seine Sammlungen, Europa das derzeit modernste Museum.

Am letzten Sonntag wurde das Haus eingeweiht. Wir alle, die wir uns den vorgeschriebenen dunklen Anzug angezogen hatten und nach Berlin geeilt waren, wußten, was uns bevorstand, etwas einmalig Unvergeßliches, das Wiedersehen mit Meisterwerken aus zwei Jahrhunderten. Denn die Neue Nationalgalerie ist als ein Doppelmuseum konzipiert, ist die Summe der ehemaligen Nationalgalerie (auf der Museumsinsel) mit ihren freilich stark reduzierten Beständen an Kunst des 19. Jahrhunderts und des einstigen Kronprinzenpalais (Unter den Linden), dieser wundervollen weltberühmten Sammlung der Kunst des 20. Jahrhunderts, die seit 1933 diffamiert und 1937 endgültig geschlossen wurde.

Um den Totalverlust der Sammlung wettzumachen, hat Berlin schon im November 1945 eine "Galerie des 20. Jahrhunderts" gegründet, zunächst auf dem Papier, bis 1967 wurde dann Erhebliches angeschafft, was jetzt der Neuen Nationalgalerie einverleibt und der Direktive und Initiative von Werner Haftmann überantwortet wurde. Beide Sammlungen unter einem optimal qualifizierten Leiter und unter einem Dach vereint, das kein Geringerer als Ludwig Mies van der Rohe ihnen errichtet hat – das hätte weiß Gott eine Feier werden können, und tatsächlich hatten sich die Veranstalter, sagte Hans-Georg Wormit, der erste Festredner und Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, für eine "fröhliche Feier" entschieden.

Fröhlich! Es blieb bei dem löblichen Vorsatz, es wurde genau die übliche bundesrepublikanische kulturelle Feierstunde, über die man eben doch nicht anders als in Form einer Glosse berichten kann, aber wer will alle die Glossen, die man da schreiben müßte, jeden Tag lesen, bei den ewigen Preisverleihungen, Buch- und Kunstmessen, Einweihungen. Entweder fröhlich oder zeremoniell, Herr Präsident Wormit, besonderer Dank gebührt schließlich und last not least, niemand wird vergessen, und dann sind die Herren böse, wenn die jungen Leute Buh machen.

Warum müssen zur Weihe des Hauses Leute über Kunst reden, die sich sonst für Kunst nicht interessieren, weil sie anderes und vermutlich Wichtigeres zu tun haben, Bundesminister und Regierende Bürgermeister, die dann die Texte ihrer Referenten verlesen? Da Mies van der Rohe eine Rednertribüne in seiner Ausstellungshalle vergessen oder nicht vorgesehen hatte, kam man auch noch um das Vergnügen, Ernst Benda und Klaus Schütz von Angesicht zu sehen, wozu man im normalen Kunstbetrieb keine Gelegenheit hat. Man steht im Gedränge, Museen sind nicht zum Sitzen, sondern zum Sehen eingerichtet, schielt aufs Programm, wieviel Rednernamen sind noch verzeichnet. Und als schließlich Werner Haftmann, nachdem ihm der goldene Schlüssel übergeben war, das gehört halt zum Zeremoniell, das Wort ergriff, versagten die Mikrophone, seine sicher goldenen Worte gingen im Gemurmel unter. Dann, kaum hatte er geendet, setzte Musik ein, nein, nicht, wie man aus Stilgründen erwarten mußte, die Philharmoniker mit Beethovens "Weihe des Hauses", sondern, man traute seinen Ohren nicht, eine Beat-Band, zwei Beat-Bands, drei Beat-Bands (die dritte im Plastikgarten).

Fröhlich wurde es trotzdem nicht, weil die Herren in den dunklen Anzügen, die Museumsdirektoren, die aktiven und emeritierten, die Senatoren und Honoratioren gar nicht anders konnten, als geflissentlich über die Musik hinwegzuhören. Und recht hatten sie, die Musik war fehl am Platz, entweder kulturelle Repräsentanz mit Ministern und Bürgermeistern oder Beat. Auf der documenta kann man das machen, aber nicht in der Neuen Nationalgalerie. Das widerspricht dem Stil und dem Geist des Hauses. Die Neue Nationalgalerie ist, das hat sich inzwischen herumgesprochen und herumgeschrieben, ein Kunsttempel.