Von Marianne Kesting

Noch postum hat Bertolt Brecht auf Deutschlands Bühnen so etwas wie eine „griechische Welle“ hervorgerufen. Den Anfang machte er selbst 1948 mit der „Antigone“ des Sophokles, die er als Widerstandsstück „in tyrannos“ interpretierte, wobei er den Chor, der die Demut vor den Göttern und Herrschern empfiehlt, in eine Schar von schwächlichen Greisen umwandelte. Brechts erklärte Absicht war die Umfunktionierung der klassischen Weltdramatik in eine aufklärerisch marxistische. Er wählte vorsichtig aus. Es lag gewissermaßen nahe, aus der „Antigone“ ein Widerstandsdrama zu machen. Weitaus kühner gingen seine Schüler zu Werke. Der Dramatiker Heiner Müller und der Regisseur Benno Besson bemächtigten sich im vorigen Jahr am Deutschen Theater in Ostberlin des „Ödipus“.

Daß dieses Stück, das, wie man es drehen und wenden mag, von der Macht, der Willkür und der Größe der Götter berichtet, in ein wirklich aufklärerisches umzudeuten sei, möchte ich bezweifeln, auch nach der an Besson weitgehend orientierten Aufführung, mit der am Donnerstag das Wiesbadener Team (Intendant Claus Helmut Diese, Regisseur Hansgünther Heyme, Bühnenbildner Frank Schultes) seinen furiosen Einzug auf die Kölner Bühnen hielt.

Aber Aufklärung hin oder her. Das Stimulanz einer neuartigen inszenatorischen Auseinandersetzung mit der antiken Tragödie ist zu begrüßen, auch wenn die – übrigens durchaus interessanten – Absichten Heymes, die das Programmheft erläuterte, nicht durchdrangen. Das verhinderte schlicht der Sophokles-Text, wie sehr er auch zusammengestrichen war. Heyme wollte zeigen, wie der aufgeklärte Herrscher Ödipus, der die Sphinx und damit den Mythos überwunden hat, dem Mythos des Leidens anheimfällt und schließlich, als lebende Legende, den Herrschenden, Theseus und Kreon, dient, die sich um ihn raufen.

„Das Volk bleibt ohne Gewinn.“ Auf der Bühne aber siegte die Humanität des Herrschers Theseus, der sich des Elenden annimmt, es siegte, mit anderen Worten, die Huldigung an die Stadt Athen und an ihren Herrscher Perikles, die von Sophokles intendiert war. Der zweite Teil „Ödipus auf Kolonnos“ endete als lyrische Feier. Und daß der Chor, in der Nachfolge der Brechtschen „Antigone“-Inszenierung, als eine Ansammlung nicht wenig häßlicher Greise gezeichnet war, tat dieser Wirkung nicht den geringsten Abbruch.

Auf der Bühne triumphierte ferner, wie wohl auch bei Besson, eine manieristische Archaik, ein stilisiertes Ritual von großer Intensität, das mit Hilfe der Relikte aller möglicher archaischer Kulturen die griechische Welt, fern von deutschen klassizistischen Aneignungsversuchen, als eine fremde, exotische Ära darstellte, die man mit Neugier und Staunen betrachtete. Aber nur die Worte (in der großartigen Übersetzung Schadewaldts) waren vertraut. Die stilisierten Gebärden, das wiegende Skandieren des Chors zu dumpfen Trommeln und Oboen, das eigenartig statische Agieren der Protagonisten, die in Ledermasken und auf Kothurnen wie unheimliche Übermarionetten wirkten – all das verwandelte das Drama fast in eine Art afrikanischen Rituals. Teiresias (Herbert Steiniger) erschien gar als Medizinmann mit Federbüschen auf dem Kopf: ein exotischer, häßlicher Vogel. Zwar wurde hier „Größe per Distanz“ erreicht, wie Brecht es wünschte, aber zugleich hatte man das Gefühl, daß Heyme vor allem vom Ritual fasziniert war.

Nichts gegen diese Interpretation. Sie hat ihre Berechtigung, da die griechische Tragödie aus dem religiösen Ritus erwachsen ist. Die Inszenierung war interessant. Die ganz in sich geschlossene Ensembleleistung, aus der niemand als Star hervortrat, der Einsatz aller Bühnenmittel zu einer geradlinigen Konzeption, die nur leicht bewegte Choreographie auf der Szene, die künstlichen, bewußt unnatürlichen Gebärden, die Verwendung von Geräusch und Lautfetzen, Gemurmel, Klagen und Singsang, bis ins letzte rhythmisiert und durchgearbeitet – das waren Ansätze zu einem Totaltheater, zu dem man Heyme durchaus ermutigen möchte. Mich störte lediglich, daß viel, allzuviel, gebrüllt wurde. Dem Ödipus (Karl-Heinz Pelser) blieben am katastrophalen Ende des ersten Teils nur wenig Mittel zur Stimmsteigerung, so viel hatte er schon geschrien, und Kreon (Wolfgang Robert) sekundierte, wenn auch seine Stimmkraft Gott sei Dank geringer war.

Insgesamt: Ein Abend, der von der ungewöhnlichen Bemühung, der genauen Intensität und der großen Begabung Heymes und seines durchweg sehr jungen Ensembles zeugte, ein verheißungsvoller Auftakt. Wenn man den interessanten Spielplan ins Auge faßt, den sich das Ensemble vorgenommen hat, läßt er auf eine neue glückliche Ära des Kölner Schauspielhauses hoffen.