Von Nina Grunenberg

Die Versicherung, ich käme nach Nürnberg keineswegs mit einem „durch höhere sittliche Ansichten gereinigten Geschmack“ (Goethe), sondern nur, um mich bei einem Fachmann einschlägig über den Markt zu informieren, hatte Walter Becker, den Inhaber des Becker-Spezialversands in Nürnberg, nicht beruhigt. Seiner alerten Jugend zum Trotz schnappte er mißtrauisch wie ein alter Hütehund: „Ich weiß Bescheid. Sie brauchen mir nichts zu erzählen. Ich soll in die Pfanne gehauen werden. Ach gehn’s doch weg.“

Dieser überall Verrat witternde Argwohn ließ sich ebensowenig übersehen wie der glitzernde Brillant an seiner Hand: Beides wohl ist ein Resultat von Walter Beckers Arbeit auf einem Markt der Literatur, über den man nicht spricht, über den man grinst, flüstert und witzelt, der immer wieder von der Polizei bedroht wird, dessen Bücher früher unter und auch heute noch nicht über der Theke verkauft, sondern vor allem über den „Versand“ bezogen werden; ein Markt, der jedenfalls an Kunden keinen Mangel hat. Nach Beckers Schätzung sind von sechzig Millionen Deutschen zwölf Millionen regelmäßige Bezieher von Erotica: „Erotische Schriften, Literatur, die die geschlechtliche Liebe zum Gegenstand hat, mit allen Spielarten von künstlerischästhetischer Gestaltung bis zur Pornographie“ (Bertelsmann – Lexikon).

Pornographie? „Man soll doch nicht glauben, daß wir für die Schweine arbeiten“, erwidert Walter Becker unmutig. Unter den rund zweihundert Titeln, die er in seiner Versandhandlung neben Drages und Verhütungsmitteln führt, ist keine Pornograhie, soweit er das beurteilen kann: „Es bleibt ja sowieso jedem selbst überlassen, etwas als unzüchtig zu empfinden oder nicht.“

Die herrschende Rechtsunsicherheit zwingt Walter Becker zwar dazu, ständig acht Rechtsanwälte zu beschäftigen. Nach seiner Auskunft haben sie jedoch seit Gründung der Firma vor vier Jahren noch keinen Prozeß verloren, sondern sich höchstens mit seinen Gegnern verglichen. Diese Entwicklung interpretiert Becker nicht nur als einen persönlichen Geschäftserfolg, sie läßt ihn auch auf allmählich weiter aufklärende Tendenzen für den auf Erotica spezialisierten Versandhandel vor deutschen Gerichten hoffen und auf eine noch ausbaufähige Zukunft.

Aber ist seine Hoffnung auf noch bessere Geschäfte nicht paradox in einer Zeit, in der die „Sexwelle“ längst öffentlich rollt und erotische Literatur aller Arten an jedem Kiosk angeboten wird? „Wenn Sie mit dem logischen Verstand drangehen, können Sie gleich Selbstmord begehen“, winkt Becker ab. „Mit den Büchern ist es wie mit den Präservativen: Das Gros der Interessenten wagt sich aus Scham oder Hemmungen nicht, in den Laden zu gehen und danach zu fragen. Bei uns werden sie anonym bedient. Sie bestellen, wir schicken es, und dann kräht kein Hahn mehr danach.“ Obwohl ein Angriff nicht beabsichtigt war, geht Becker zur Verteidigung über: „Im Volk existiert eben ein Bedürfnis. Dafür können Sie doch den Versandhandel nicht mit Dreck bewerfen. Da müssen Sie schon bei den Bestellern anfangen. Insgeheim schreien sie .Hosianna’ und öffentlich rufen sie ‚Kreuzige ihn‘. Tatsache ist, daß sie hier bei uns, in der Anonymität, schriftlich mit Wünschen auftreten, die so geartet sind, daß wir sie nicht erfüllen können und auch nicht erfüllen wollen...“

Aber soll das ein Wunder sein – bei den Orgien, den „Hexenkesseln der Erotik“, die die Versandgeschäfte in den Kleinanzeigen der Illustrierten verheißen?