Von Rolf Zundel

Bonn, im September

Für wen die Freien Demokraten bei der Wahl des Bundespräsidenten stimmen werden, ist noch nicht sicher. Und noch ungewisser ist wohl, wie sich die Partei nach der nächsten Bundestagswahl entscheiden wird. Jedenfalls lassen sich die führenden FDP-Politiker in beiden Fragen nicht festlegen. Allerdings glauben sie, daß die Partei, wie immer die Entscheidung ausfällt, ziemlich geschlossen auftreten wird. Und das ist eigentlich schon erstaunlich genug.

Eine Zeitlang nämlich sah es in diesem Sommer so aus, als ob auch die neue FDP-Führung die inneren Schwierigkeiten der Partei nicht meistern würde. Aus Sitzungen des Parteivorstandes drangen Nachrichten über harte Auseinandersetzungen nach draußen. Die Gruppe um den früheren Parteivorsitzenden Mende zum Angriff angetreten, die Reformer in Nöten, der in Freiburg gewählte Parteiführer Scheel – zerstritten mit Dahrendorf – nicht mehr ganz Herr der Situation, die FDP wieder auf Rechtskurs – so lauteten die Meldungen und Spekulationen.

Das Bild von damals war teils überzeichnet, teils völlig falsch. Wenn es zum Beispiel eine Art Rivalität zwischen Dahrendorf und Scheel gäbe – in ihrem persönlichen Verhältnis ist davon nichts spürbar. Zwar hatte Dahrendorf durch einige keß-kritische Bemerkungen über seine eigene Partei gegen den Ehrenkodex deutscher Politiker verstoßen, aber Scheel – auch darin ungewöhnlich liberal – schien dies am wenigsten von allen Parteioberen zu stören. Und auch der Ehrgeiz Dahrendorfs ist für Scheel kein Grund zu Aufgeregtheit oder gar zur Panik.

Scheel sitzt sicherer im Sattel als je zuvor – das ist das erstaunliche Ergebnis der jüngsten Entwicklung. Und mit ihm haben auch die Reformer Sicherheit gewonnen. Die konservative Gruppe scheint im Augenblick uneinig und zersplittert. Es sieht so aus, als ob sich einige Mitglieder dieser Gruppe nach der neuen Machtkonstellation orientieren würden; die anderen wirken, isoliert. Wie sehr sich – auch in den unteren Gliederungen – das Kräfteverhältnis verändert hat, zeigt sich unter anderem daran, daß Erich Mende Mühe hat, für die nächste Bundestagswahl einen Wahlkreis zu finden.

Auch die Invasion der Tschechoslowakei hat den Konservativen kein Oberwasser gebracht. Eine außenpolitische Kurskorrektur, ein Zurückweichen etwa hinter die Beschlüsse des Parteitags von Hannover, ist nicht zu erwarten. (Das ist freilich nicht ganz so erstaunlich, denn was in Hannover noch revolutionär klang, haben, sich inzwischen sogar schon manche Christlichen Demokraten zu eigen gemacht.)