Von Heinz Steinberg

Die Jugend von heute liest keine Bücher. Sie spielt Fußball und sieht fern. Der Massenmenschverlernt überhaupt das Lesen: Nur auf

Bilder reagiert er, und Computer werden ihn fernsteuern. Muße fehlt, Bildung verfällt und die Herzensbildung besonders.

Solchen Unsinn redet nicht nur Tante Mathilde, sondern mancher, der es besser wissen müßte. Denn was für den Stier das rote Tuch, ist für den Kulturpessimisten die Mattscheibe; sie sei, stand im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, der „geschworene Feind des Buches“, das denn auch der televisionär verseuchte Jugendliche nur noch verachte. Zur Begründung beruft sich der Autor (Georg Ramseger, und zwar im März 1967) auf das „dunkle Gefühl“, die Gabe der Kassandra lasse ihn eine „neue Analphabetisierung“ prophezeien.

Ob die „Volksbücherei in der Agonie“ liege, fragte jüngst die Balkenüberschrift im Feuilleton einer bei vielen hochangesehenen Tageszeitung, deren Redaktion es für richtig hielt, die Antwort mit dem Photo eines gähnend leeren Lesesaals vorab zu suggerieren. Daß überall auf der Welt, wo in den letzten zwanzig Jahren Büchereisysteme auch nur halbwegs sachgerecht ausgebaut wurden, die Ausleihe von Jahr zu Jahr gestiegen ist, und zwar ausnahmslos recht kräftig, kümmert den nicht minder gefühlig gegen „platte“ Rationalität spekulierenden Autor (Gustav Sichelschmidt in der Welt vom 24. August 1968) gar nicht: Die öffentliche Bücherei ist „von den Massenmedien hoffnungslos überspielt“, basta. Genauso hoffnungslos wie der Buchhandel, dessen Umsatz ebenfalls von Jahr zu Jahr steigt.

Was die vielen Käufer nur mit den vielen Bänden machen mögen? Wahrscheinlich schichten sie die erworbenen Bände mit den geliehenen auf häuslichem Teppich übereinander, um den Fernsehapparat in Augenhöhe zu postieren. So erklärt sich zwanglos der Massenkonsum der Massenkonsumenten.

Nicht nur zu Lukians Zeiten war es schwer, keine Satire zu schreiben. Wichtiger aber ist es, den ideologischen Nebel wegzublasen und die Tatsache zu betonen, daß trotz eifrigen Suchens nirgendwo der Schatten eines Beweises für eine Beeinträchtigung des Buches durchs Fernsehen gefunden wurde, daß vielmehr empirische Sozialforschung in USA, Frankreich, Holland, England, Schweden, Dänemark und schließlich auch in Deutschland, wo sie nahezu ausschließlich der Initiative eines großen Verlages (Bertelsmann) zu danken ist, übereinstimmend die gegenteilige Vermutung begründet hat.