Eine deutsche Selbstreinigung, die seit 20 Jahren überfällig war

Von Karl-Heinz Janßen

Rudolf Augstein: „Preußens Friedrich und die Deutschen“; S. Fischer Verlag, Frankfurt/M.; 568 Seiten, 21,– DM.

Friedrich, genannt der Große, im Volksmund auch Alter Fritz, von den Fremdenführern im sozialistischen Potsdam schlicht F II geheißen – König Friedrich II. von Preußen also, sein Name schon vermag bei jedem Deutschen der älteren und mittleren Generation mit normaler Volksschulbildung und Abitur eine Fülle von Erinnerungen, Bildern und Assoziationen wachzurufen: Dreispitz und Krückstock, Sanssouci und Garnisonkirche, „Fridericus Rex, unser König und Held ...“, Hohenfriedberger Marsch und Choral von Leuthen, Otto Gebühr und die Barberina, Freund Katte und der barbarische Vater, die Schlachten des Siebenjährigen Krieges (auswendig gelernt wie das Abc): Prag, Kolin, Großjägersdorf, Roßbach, Leuthen, usw., Flötensonaten und Musikalisches Opfer, Schlesien und Ostfriesland, Menzel und Fontane, Zieten, Seydlitz und der Alte Dessauer, „der erste Diener seines Staates“ und der Müller von Sanssouci, ein Dutzend Anekdoten und wohl auch der Satz „Man muß alles entbehren können und doch auf nichts verzichten“ – ein Wort, das Rudolf Augstein den Ausruf entlockt: „Wohl gesprochen, sehr im Sinne Epikurs und auch der Tante Frieda.“

Ja, es stimmt, Rudolf Augstein, dem das Redigieren allein so wenig genügt wie das Regieren einem Friedrich dem Großen, hat sich unter die Historiker und Biographen begeben, nicht weniger selbstbewußt als der große König, der in vielen Künsten heimisch war, ein „dilettante in jedem Sinne“. Doch auch im neuen Gewande verleugnet unser Autor seine Herkunft nicht: In der „Spiegel“-Manier der vierziger Jahre, doch ohne „Masche“, als ein in vielen Drachenkämpfen gehörnter Jens Daniel, zieht er aus, um eine der wirksamsten und folgenreichsten Legenden deutscher Geschichte zu töten, ausgerüstet mit nichts als seinem scharfen Intellekt und einer spitzen Feder, doch hinter sich ein 50-Seiten-Arsenal von Zitaten, Quellenbelegen und Anmerkungen, das ihm hilfreiche Hände aus der Dokumentationsabteilung seines Hauses zusammengestellt haben.

Ach, es ist nicht eine Legende nur, es sind deren viele, die Augstein aufspießt und zerfetzt, Legenden, die einem lieb und teuer geworden sind, und nur zu oft ist man versucht zu rufen: „Halt ein, genug des grausamen Spiels!“ Um gleich damit anzufangen, was Journalisten bislang Friedrich den Großen so sympathisch sein ließ, dem berühmten Wort, wonach „Gazetten wenn sie intereßant seyn solten nicht geniret werden müsten“: Augstein belehrt uns, daß dieser Beschluß sogleich die Einschränkung erfuhr, die Zeitungen müßten „wegen auswärtiger Puissancen aber cum grano salis und mit guter Behutsamkeit“ verfahren. Besser hätten es Prager Erfüllungspolitiker auch nicht formulieren können, zumal wenn man liest, daß über Rußland so gut wie nichts geschrieben werden durfte! Und wie der preußische Epigone Karl-Eduard von Schnitzler war auch Friedrich überzeugt, „daß abhaltende Zwangsmittel erforderlich sind, weil die Freiheit stets mißbraucht wird“. Es gab, so stellt Augstein fest, in Preußen nur eine öffentliche Meinung, die des Königs.

Mit der Geistesfreiheit, der vielgerühmten Toleranz, war es nicht viel besser bestellt. Schon Lessing hatte bemerkt, daß sie sich auf die Freiheit reduziere, „gegen die Religion so viele Sottisen zu Markt zu bringen, als man will“. Doch nicht mal das, erfahren wir bei Augstein: Den allgemeinen Grundsätzen der Religion und der moralischen wie der bürgerlichen Ordnung zuwider durfte nichts gedruckt werden. Und alle Verächter des zersetzenden Linksintellektualismus können sich auf Friedrich berufen: „Eine beißende Kritik bessert niemals ... vielmehr erbittert solche nur die Gemüther.“