Einen Monat nach der Besetzung der Tschechoslowakei lassen die Okkupanten noch immer die Zügel lang. Über die Forderungen Moskaus und der vier anderen Okkupationsmächte nach „Normalisierung der Lage“ wurde weiterhin im Wege von Verhandlungen entschieden, nicht auf dem Befehlswege. Konzessionen machten beide Seiten:

  • Die Sowjetunion zog ihre Truppen aus der tschechischen Hauptstadt Prag, der mährischen Hauptstadt Brünn und der slowakischen Hauptstadt Preßburg zurück.
  • Die Prager Nationalversammlung billigte „vorläufig“ die Wiedereinführung der Zensur, das Verbot von „antisozialistischen“ Organisationen und Abstriche an den Wirtschaftsreformen.

Während es unklar blieb, unter welchen Voraussetzungen Moskau das politische Ziel der Intervention als erreicht ansehen und seine Truppen abziehen will, hielt das propagandistische Dauerfeuer aus Warschau und Ostberlin an. Polnische und deutsche KP-Zeitungen forderten ererneut die „Eliminierung“ und gerichtliche „Verfolgung“ der „konterrevolutionären“ Kräfte.

Unterdes versucht die Prager Parteiführung einen Rest an Eigenständigkeit zu bewahren. Die tschechoslowakischen Spitzenfunktionäre machten klar, daß sie den Okkupationsmächten so weit wie möglich entgegenkommen wollen, daß sie aber von den Reformen auch so viel wie möglich zu retten gedenken.

Trotz der Zensur veröffentlichte die Parteizeitung „Rude Pravo“ am Montag einen Artikel, in dem dreizehn führende Wirtschaftstheoretiker der ČSSR das „neue ökonomische Modell“ des erst kürzlich abgesetzten Reformers Ota Sik als „erfolgversprechendsten Weg zur Entwicklung der tschechoslowakischen Wirtschaft“ verteidigten. Ministerpräsident Carole sicherte den Intellektuellen zu, sie würden trotz der von den Sowjets aufgezwungenen Zensurgesetze „genug Raum für ihre Arbeit erhalten“, Parlamentspräsident Smrkovsky versprach, die Rehabilitierung der Stalinismus-Opfer werde weitergehen.

Schon am Dienstag voriger Woche hatte der Sekretär des Zentralkomitees der KPC, Zdenek Mylnar, versichert daß Prag die in Moskau eingegangenen Verpflichtungen nur erfüllen werde, wenn es den rechtsstaatlichen Schutz seiner Bürger garantieren könne und alle innerstaatliche Vollzugsmacht bei den tschechoslowakischen Behörden verbleibe.

Die Prager Regierung wies ihre Botschaften im Westen an, die nach der Invasion geflüchteten Journalisten, Künstler und Intellektuellen – insgesamt sollen sich gegenwärtig 30 000 ČSSR-Bürger er im Ausland aufhalten – zur Rückkehr zu bewegen. Der Schriftsteller Pavel Kohout kündigte an, er werde in Kürze nach Prag heimkehren.