Von Helen von Ssaelmo

Als Alexander Solschenizyns Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ 1965 erschien, geschah es in Übereinstimmung mit Chruschtschows antistalinistischem Kurs. Weit und Ost waren sich darüber einig, daß hier ein bedeutender Schriftsteller das Thema des zwarzigsten Jahrhunderts – die Knechtung des Menschen durch den Menschen – mit souveräner Meisterschaft behandelt hatte. Was Terz und Arschak nicht ohne Anstrengung mit Hilfe der Groteske, der Parodie, des visionären Ulks zu erreichen suchten, gelang Solschenizyn über die Kontrastmethode eines hypertrophen Verismus, also innerhalb der realistischen Tradition: ohne Rückgriff auf symbolische Stilmittel war, wie Georg Lukács bewundernd feststellte, ein Kunstwerk von eminent symbolischer Rangordnung geschaffen worden.

Dieser eine Tag aus dem Leben des Lagerhäftlings Iwan Denissowitsch Schuchow wurde zum Inbegriff der stalinistischen Tragödie, zum Spiegelbild der, wie man hoffte, zu Grabe getragenen Epoche, wobei Solschenizyn überdies das Kunststück fertigbrachte, Anklage ohne ein Wort der Anklage zu erheben. Stalins Narre blieb unerwähnt, die Frage nach den Ursachen der finsteren Tragödie wurde nie gestellt, als käme es einzig und allein auf die Fixierung der Details an, aus deren Aufzählung sich dann allerdings ein schockierendes Panorama des Machtmißbrauchs ergab.

Diese kunstvolle Selbstbescheidung, die die Schilderung niemals bis an jenen Punkt heranführte, wo die Auseinandersetzung, mit den Stalinismus zu einer Auseinandersetzung mit den System wurde, mochte denn auch Chruschtschow bewogen haben, dem „Iwan Denissowitsch“ free Bahn zu geben. Allerdings hatte er eines nicht vorausgesehen: die Wirkung des Werkes auf den Leser, darunter auch auf jene Schriftsteller, die sich zur Abfassung ähnlich decouvrierender Werke aufgerufen fühlten. Heute strapaziert man diese und ähnliche Befürchtungen in einem Maße, daß man Solschenizyn als Schriftsteller in die Illegalität verbannt hat.

Illegal erscheint denn auch

Alexander Solschenizyn: „Krebsstation“ Buch aus dem Russischen von Christiane Böhler-Auras, Agate Jais und Ingrid Tinzmann; Heimann Luchterhand Verlag, Neuwied; 412 S., 18,– DM.

In der Sowjetunion ist das Buch in Tausenden von maschinengeschriebenen Exemplaren auf dem schwarzen Büchermarkt verbreitet; im Westen erscheint es, wie Solschenizyn am 26. Juni dieses Jahres in der Literaturnaja gaseta erklärte, gegen seinen Wunsch. Demgegenüber beruft sich der offizielle Lizenzträger, das Londoner Verlagshaus The Bodley Head, nach dessen russischem Manuskript auch die deutsche Übersetzung vorgenommen wurde, auf autorisierte Übertragungsrechte Der Wahrheit dürfte, da noch andere Manuskriptvarianten im Umlauf sind, kaum auf den Grund zu kommen sein. Der Leser muß also auch weiterhin die vorliegende Fassung als Solschenizyn-Text ansehen. Er darf dies um so bedenkenloser tun, als die bei Bodley Head veröffentlichte photomechanische russische Ausgabe des ersten Teiles (Teil zwei erscheint in Deutschland ebenso wie in England erst im nächsten Jahr) nur aus Solschenizyns Feder stammen kann.