Von Joachim Schwelien

Washington, im September

Sehen sich die USA gezwungen, ihre mit großer Beharrlichkeit verfolgte Politik des Ausgleiches mit Moskau zu überprüfen? Der „Fall Prag“ hat Zweifel an den langfristigen Intentionen Moskaus in Europa aufkommen lassen, und er hat bei den am stärksten exponierten europäischen NATO-Mitgliedern wie der Bundesrepublik die Sorge aufbrechen lassen, ob ihre Sicherheit wirklich gewährleistet bleibt, wenn im Zuge eines fortschreitenden „Ausgleichs“ die atlantische Verteidigung im westeuropäischen Bereich zunehmend geschwächt wird. Der bedeutendste Faktor, der eine Überprüfung bewirken kann, ist die mit der Invasion in der ČSSR zutage getretene Unberechenbarkeit des sowjetischen Verhaltens – und weniger der Anmarsch einiger Dutzend motorisierter Infanterie- und Panzerdivisionen bis an die bayerische Grenze. Diese Unberechenbarkeit wird von jedem neuen amerikanischen Präsidenten in seine Rechnung einbezogen werden müssen, wenn er überlegt, wie das Verhältnis zur Sowjetunion fortentwickelt werden soll.

Diese Entwicklung kommt dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Richard Nixon am ehesten zustatten – ohne daß er dabei in die Rolle eines Kalten Kriegers zurückfallen muß. Er hat vor Prag auf dem Parteitag in Miami Beach proklamiert, zwar sei die Ära der ständigen Konfrontation mit der Sowjetunion der Phase des Verhandelns gewichen, aber in diesen Verhandlungen könne Amerika nur in einer Position der Stärke bestehen. Nixon verband das mit Andeutungen über einen bevorstehenden Besuch in Moskau, den sein Mitarbeiter Robert Ellsworth in einem Gespräch mit Botschafter Dobrynin vorbereitet hatte. Zur rechten Stunde riet ihm sein außenpolitischer Chefberater Richard V. Allen von dieser Reise ab, die den republikanischen Kandidaten, wäre sie angetreten worden, genau zu jener Stunde nach Moskau gebracht hätte, da sowjetische Divisionen die Grenzen der Tschechoslowakei überrollten. Seither hat Nixon in seinen Wahlreden und Erklärungen mit wachsender Emphase, aber ohne polemische Ausfälle jener Versteifung in der amerikanischen Haltung gegenüber der Sowjetunion Rechnung getragen, die sich zunehmend durchsetzt und damit Bestandteil des Wahlkampfes wird.

Nixons erster taktischer Zug richtete sich gegen den Atomsperrvertrag, den er inhaltlich zwar unverändert „trotz mancher Bedenken“ befürwortete, aber mit der Empfehlung versah, die Ratifizierung vorerst zurückzustellen. Ob Nixon den Inhalt des Sperrvertrages tatsächlich als annehmbar und ausreichend für die amerikanischen Interessen betrachtet, muß dahingestellt bleiben – die Mythologie von der Vermeidbarkeit des Atomkrieges durch die Monopolisierung des Atom Waffenbesitzes in den Händen der jetzigen Nuklearmächte ist noch zu stark, als daß er sie mitten im Wahlkampf in Frage stellen könnte.

In seinem Aufsatz „Asien nach Vietnam“ in der Zeitschrift Foreign Affairs hat Nixon im Oktober vorigen Jahres mit seinem Plädoyer für regionale Verteidigungsorganisationen im Fernen Osten mit Japan als Rückgrat und dem 1966 gegründeten Asiatischen und Pazifischen Rat (AS-PAC) als Rahmen jedenfalls implicite – wenn auch nicht direkt – eine spätere Nuklearrüstung Japans offengelassen. Nixon und seinen außenpolitischen Ratgebern ist außerdem klar, daß eine Verminderung der amerikanischen Truppen in Europa – an die er ebenso denkt wie Senator Mike Mansfield von den Demokraten – für die USA nur bei einem komplementären „Aufstocken“ Westeuropas zur angemessenen Selbstverteidigung sinnvoll wäre. Sie wäre nur mit einer neu zu planenden multilateralen europäischen Atomwaffen Verteidigung zu gewährleisten – der freilich der Sperrvertrag entgegensteht. Der Präsident Richard Nixon wäre, anders als der Kandidat Nixon, in der Lage, die Zweckmäßigkeit des Sperrvertrages nochmals zu überdenken und seine Ratifizierung zu verhindern, auch wenn das einen Bruch mit jahrelangen Bestrebungen der amerikanischen Außenpolitik und ihre nachträgliche Desavouierung bedeutete.

Doch ist dies nicht ohne den Zusammenhang mit Vietnam zu sehen. Der außenpolitische Chefberater des republikanischen Kandidaten, der junge und alerte Richard V. Allen vom Hoover-Institut, (er spricht fließend Deutsch, gut Französisch und Spanisch und liest leidlich Italienisch; Portugiesisch und Russisch) erläuterte uns die Absichten Nixons als die der „Entamerikanisierung des Krieges in Vietnam“ durch Übertragung der Kampfaufgaben an die Armee der südvietnamesischen Republik – in Koppelung mit „diplomatischem Druck“ auf die Sowjets, Hanoi zum Einlenken zu veranlassen.