Okkupations-Armee, nein, das geht nicht. „Besatzungstruppen“:ein häßliches Wort. Die Russen leiden darunter. Nicht, daß sie die Tschechoslowakei besetzt halten, tut ihnen weh. Sie leiden unter der Bezeichnung dieser ihrer Aktion. Autoritäre Staaten sind nämlich so empfindlich gegenüber Worten. Die Sache zwar, um die es sich handelt, ist geregelt. Fehlte nur, daß die Sprache geregelt werde. Sprachregelung: das ist es. Verwandeln wir also ganz einfach das schmerzliche Wort „Okkupations-Armee“ in „Fremde Truppen“.

Im „Dritten Reich“, das bekanntlich, solange Frieden herrschte, eine Zeitungszensur nicht kannte, wurde die Lüge „Sprachregelung“ genannt, und man machte es so:

Je ein Vertreter der großen Zeitungen und der Nachrichtendienste, deren sich die kleinen Zeitungen bedienen mußten, erschien täglich im Berliner Propaganda-Ministerium, wo Goebbels oder ein anderer beamteter Sprachregler saß. Dieser erfand oder verkündete die neuen Worte. Worauf die Zeitungsvertreter zu ihren Redaktionen gingen und die verordneten Bezeichnungen und Wendungen nebst Anweisungen, wie sie zu benutzen seien (wehe, wenn nicht!), auf geheimes Papier tippten. Geheim war das Papier, weil es in verschließbare Mappen kam. Nur jene Redakteure, die einen Schlüssel und damit eine Vertrauensstellung hatten, waren in der Lage, das Papier, das ihr Gebiet betraf, herauszunehmen. Sie lasen es aufmerksam, merkten sich die neuen Worte. Und die wieder in der Mappe verschlossenen Anweisungen wanderten in eine Geheimkammer, wo ein Zerreiß-Wolf lauerte. Oben steckte eine geheime Sekretärin die Seiten hinein. Unten regneten winzig kleine, unlesbare Fetzen heraus. Diese Vernichtung aber mußte geschehen, weil offenbar an den neuen Worten jeweils noch ein Rest von Wahrheit klebte: den wenigen Eingeweihten durchaus verständlich. Anders sah die Sache aus, wenn das Unkraut anderen Tages in allen Zeitungen wucherte, ein jedes etwas anders zurechtgeschnitten, wenn auch nach dem gleichen Muster.

Und die Berichterstatter? O weh, sie konnten so objektiv sein, wie sie wellten, sie hätten zum Beispiel das Wort „Okkupations-Armee“ schreiben können – in der Zeitung lasen sie’s hinterher doch immer nur als „Fremde Truppen“. Da war nichts zu machen. Die Sache war geregelt. Mit Hilfe verschlossener Mappen und eines Zerreiß-Wolfes. Aber Zensur (mit Rotstift und so) war’s nicht. Auch bei Ulbricht – er sagt es ja selber – gibt es keine Zensur. Und Ulbricht lügt ja nicht; er regelt bloß die Sprache.

Nun müssen wir davon ausgehen, daß keine Regierung, keine demokratische, aber auch keine autoritäre, auf lange Sicht ohne die Zustimmung der öffentlichen Meinung herrschen kann. Das ist auch der Grund, warum die Herrschenden, wenn sie unrecht tun oder Dummheiten begehen, gegenüber den korrekten, unverschleierten Worten so empfindlich sind. Die Lüge aber lebt vom Kapital, das sich die Wahrheit erworben hat. Und es ist nicht leicht, die Wahrheit zu unterdrücken. Der Rotstift des Zensors reicht da nicht aus. Da müssen schon verschließbare Mappen, schweigende Eingeweihte, Zerreiß-Wölfe her. Und wenn das nicht reicht: Panzer, Kanonen. Instrumente, die Angst machen. Angst lehrt glauben.

Ist nun aber ein Volk durch mancherlei Enttäuschungen geschult, seine Angst zu überwinden, und hat es gar, wie es während des „Prager Frühlings“ geschah, eine leidenschaftliche, wenn auch nur kurze Begegnung mit der Wahrheit gehabt, so passiert es, daß die Zeitungen lange schreiben können, es handele sich um „Fremde Truppen“: Die Leser, die zur öffentlichen Meinung am meisten beitragen, reagieren so, daß sich dies Wort auf dem Wege vom Auge zum Gehirn zurückverwandelt. Sie lesen „Fremde Truppen“, doch wie der Berliner immer nur „Bahnhof“ verstand, so verstehen sie stets nur „Besetzung“.

Wie es aber weitergeht? Wir Deutsche waren nicht sehr begabt darin, die gewandelten Worte, die Sprachregelung, beim Lesen zurückzuverwandeln. Die Tschechoslowaken zeigen sich da weitaus überlegen. Und so ist die öffentliche Meinung dort noch intakt. Schon las ich, daß ein Prager Bürger einen russischen Offizier, der ihm den Weg vertrat, mit den Worten ansprach: „Sie gestatten, Herr Fremdersoldat?“

Bald wird die russische Obrigkeit neue Worte verfügen müssen in der Hoffnung, daß die öffentliche Meinung diese dann akzeptiert, aber auch deshalb, weil sie unter den alten, den wahren Worten so schrecklich leidet.