Von Marcel. Reich-Ranicki

Von Heine stammt das Bonmot: „Die Juden, wenn sie gut, sind sie besser, wenn sie schlecht, sind sie schlimmer als die Christen.“ Widerspruch mag die erste und natürlichste Reaktion sein auf diese in der Tat höchst fragwürdige Verallgemeinerung. Worauf sie jedoch abzielt, ist so abwegig nicht.

Denn Heine dürfte nichts anderes gemeint haben als die berühmte und berüchtigte Intensität der Juden, ihren bisweilen verblüffenden und sogar als erschreckend empfundenen Radikalismus, ihre Neigung zur Kompromißlosigkeit und ihren gelegentlich bewunderten und häufig mißbilligten Hang zum Extremismus. Nur daß diese Eigenheiten und Tendenzen wohl eher im Intellektuellen und Ästhetischen zum Vorschein kommen als in dem Bereich des Moralischen, auf den Heine offenbar anspielt.

Wie auch immer: solche und ähnliche Attribute machten viele Juden für die Umwelt attraktiv und andererseits nicht ganz geheuer. Sie ermöglichten manche ihrer Leistungen und Taten und verursachten zahllose ihrer Leiden und Opfer. Allerlei verdankt die Menschheit dieser außergewöhnlichen Intensität, in der sich die Sehnsucht nach den Grenzen verbirgt. Aber für die Juden selber, die oft genug versucht haben, gegen ihre Eigenart anzukämpfen, schlug sie in der Regel zu ihrem Unglück aus – auch dann, wenn sie nicht gekreuzigt oder vertrieben oder vergast wurden.

Die Mentalität der Juden hat – zumindest seit der Emanzipation – ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft bestimmt. Und mit dieser Rolle hängt die Tatsache zusammen, daß die Schriftsteller unseres Jahrhunderts – und keineswegs nur diejenigen, die selber Juden sind – häufig in ihren Werken Juden auftreten lassen: Der Davoser Kurgast Leo Naphta und der Dubliner Annoncenacquisiteur Leopold Bloom können hier ebenso als Beispiele dienen wie der reiche Industrielle Paul Arnheim in Musils „Mann ohne Eigenschaften“ oder der Journalist Robert Cohn in Hemingways „Fiesta“.

Leichtsinnig wäre es, die sehr unterschiedlichen Funktionen jüdischer Gestalten auf einen gemeinsamen Nenner bringen zu wollen. Gleichwohl fällt es auf, daß sie von den Autoren meist als Außenseiter und Kontrastfiguren gebraucht werden: Ihre Individualität und Situation soll das Bekannte und Gewohnte in neuer Sicht erscheinen lassen. Sie befinden sich in der Regel scheinbar innerhalb und im Grunde doch außerhalb der dargestellten Welt.

Überdies erweisen sie sich als Provokateure, die ihre Umgebung stets zwingen, Farbe zu bekennen. Und eben weil sie oft Extremes anstreben oder erdulden, sind ihre Gestalten geeignet, den Blick auf das Exemplarische zu lenken. Mit anderen Worten: ihre exzeptionelle Position macht die Regel bewußt, von der Peripherie her soll das Zentrale wahrnehmbar werden.